Wir, Ortsamtsleiterin, von Gottes Gnaden
27.06.2018

Über die Beiratssitzung Walle am 14.6.2018

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Artikel bis Februar 2013
24.02.2017

Meine erste Homepage ging am 21.02.2011 online. Ich schaltete sie am 24.02.2013 ab. Der Grund:...

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Mein Scheitern hier und da
17.09.2011

1. Meine katholische Kirche und ich - reloaded 28.11.2011 (Bebildert als PDF auch unter "Veröffentlichungen")


Heilige Messe in St. Bonifatius

Ich bin Bremer und Katholik, römisch-katholisch.

Einer langen Tradition folgend, findet in Bremen an Fronleichnam im Bürgerpark ein Gottesdienst mitsamt einer kleinen Pro­zession statt. Für den Fall, dass es reg­net, stellt uns die protestantische Kirche den Dom zur Verfügung. An Fronleich­nam vor zwei Jahren, am 11. Juni 2009, reg­nete es. So kamen wir Bremer Katholi­ken im Dom zusammen. Ich war dabei. Unser Bi­schof Dr. Franz-Josef Bode war aus Osnabrück gekommen, um die Heilige Messe zu ze­leb­rieren. Er hielt auch die Predigt. Darin kamen zwei Sätze vor, die ich wohl mein Lebtag nicht vergessen werde. Der eine Satz lautete: „In den 16 Jahren meiner Amtszeit hal­bierte sich in meinem Bistum die Zahl der Kir­chenbesucher.“

Ich stand neben mei­nem Banner der Katholischen-Ar­beitnehmer-Bewegung (KAB), der ich angehöre und die ich gerne in der Öffentlichkeit bei allen sich bie­tenden Gelegenheiten repräsentiere, und traute meinen Oh­ren nicht. Ein solches Ein­geständnis hatte ich in meiner Kirche noch nie ver­nom­men. ‚Mutig, mutig!’, dachte ich bei mir, und hoffte, dass sich da ein neuer Geist ankündigte, der Geist der Demut, der die Kraft gibt, Schwäche und Versagen zuzugeben. Nur so, meine ich, lässt sich die Abwärtsentwicklung meiner Kirche stoppen und eine Wende ein­läuten. Göttliche Ideale, christliche Tu­genden und frische Ideen brauchen wir. So wäre ein Miteinander all derer möglich, die guten Willens sind und im Geiste der Nächstenliebe leben, arbeiten und kämpfen.

Allein, meine Hoffnung darauf schwand schnell. Das kam so:

Meine Heimatkirche ist St. Bo­nifa­tius im Bremer Stadtteil Findorff. Samstags um 18:30 Uhr findet da die Heilige Messe statt, besucht von, je nach Jahreszeit, rund 30-70 Katholiken. Das sind so viele Kirchenbesucher, wie vor 25 Jahren in die Messe zu spät kamen, so eine Meldung des „Boni-Boten“ von 1975, worin Hoch­würden das mo­nierte! Der Frau­enanteil der Kir­chenbesucher liegt heute bei 72,8 %, das Durch­schnitts­alter bei 69,3.

Für sonntags hat die russisch-orthodoxe Gemeinde Bremens un­sere Kirche St. Bonifatius langfristig gemietet.

Ebenfalls mitten in Findorff steht die protestantische Martin-Luther-Kirche. Sie ist schön und hat 850 Plätze. Sonntags bin ich da häufiger, vor allem dann, wenn meine Frau verreist ist. Die Zahl der Kirchenbesucher dort liegt, sieht man von Weihnachten und von Hoch­zeiten ab, noch weit unter der von St. Bonifatius – zwischen einer Hand voll und um die 30 Personen bei einer Taufe oder Trauung.

Im Januar 2010 las ich im Gemeinde­blatt von St. Bonifatius, dem „Boni-Boten“, die Statistik für 2009. Demnach verlor unsere Gemeinde durch Aus­tritte und Tod bei weitem mehr Katholiken, als sie durch Eintritte und Taufen hinzu ge­wann.

Unter Hinweis auf diese Lektüre schrieb ich meinen beiden Pasto­ren eine Mail fol­genden Inhalts:

Hallo, ich lese gerade die Statistik unserer Großgemeinde St. Marien 2009. Kinder­taufen: 42; Erstkommunion: 49; Firmung: Jugendliche 5, Erwachsene 2; Trauun­gen: 8; Aufnahmen (Konversion) und Wiederaufnahmen: 8. Kirchenaustritte: 74; Beerdigung: 63. Ich bin erschüttert. Ist das das Ende der heiligen Mutter Kirche in St. Marien, natürlich in Raten und nicht auf ein Mal, so dass wir uns daran ge­wöhnen?

Mein Vorschlag dazu wäre: Wir sehen die Zeichen der Zeit und warten nicht auf Anweisungen von oben, sondern werden aktiv und vorausschauend tätig, z.B. durch die Zusammenfassung der Verbände in den Gemeinden: KAB, KFD, Kol­ping; und durch ein Zusammengehen mit den Protestanten vor Ort; z.B. Aufgabe des Gebäudes St. Bonifatius und Ökumenische Nutzung der Martin-Luther-Kirche. Gute Idee? Ein Gespräch darüber fände ich ganz gut, in welcher Besetzung auch immer.

Wäre es zu einem Gespräch gekommen, hätte ich dabei angeregt, dass wir Katholi­ken in die Martin-Luther-Kirche umziehen, dort vielleicht einen eigenen Altar be­kommen, „Seitenaltar“ nannte man das früher, und das Gebäude von St. Bonifatius an die russisch-or­thodoxe Gemeinde verkaufen.

Aber es kam zu keinem Gespräch. Ich bekam nicht einmal eine Antwort. Nach 14 Tagen schaute ich bei Outlook unter „versen­dete Mails“ nach, ob ich die o.a. Mail wirklich verschickt hätte. Es war so. Ich ver­schickte sie erneut und blieb wieder ohne Antwort. Ich versuchte meine Pastoren anzurufen, erreichte aber nur den An­rufbeantworter und sprach dort mein Anlie­gen auf Band. Wieder keine Antwort.

Das gab mir zu denken. Mein Verhalten wirkt häufig provokant, auch wenn ich das nicht beabsichtigte. Ich merke das dann nicht einmal. Ich weiß das, weil meine Frau und gute Freunde mir das mitunter signalisieren. So fragte ich mich, ob ich auch in dieser Angelegenheit zu flott vorgegangen war. Womöglich wurde meine pessimis­tische Einschätzung der Lage, in der sich unsere Kirche aus meiner Sicht befindet, und die ich im Brief offen dargelegt hatte, als Affront verstanden. Aber war das ein Grund, mir nicht zu antworten? Ich meine, das hatte ich nicht verdient. Ich ver­misste bei meinen Pastoren die Offenheit, mit der der Bischof diese Misere be­schrieben hatte. Dabei findet in der Gemeinde St. Bonifatius wie in ganz Bremen zweifelsfrei eben der Schwund an Katholiken statt, den Bischof Bode in seiner Predigt für das Bistum Osnabrück beschrieben hatte. Ich stellte fest, dass die Kir­chen in ganz Deutschland und sogar in ganz Europa immer leerer werden, selbst in Spanien und Italien. Ich fand einige Zahlen, die mich zu der Frage trieben: Geht meine Kirche insgesamt unter? Schauen wir uns die Zahlen für Bremen und Deutschland an.

Bremen hat 547.685 Einwohner, 265.674 Männer, 282.011 Frauen. Gerade 11 % der Bremerinnen und Bremer sind katholisch, 41 % sind protestantisch. Ende 2009 hatte Deutschland 81.802.257 Einwohner. Die Zahl der Katholiken in Deutschland sank zum selben Zeitpunkt erstmals seit Jahrhunderten auf rund 39%, auf unter 25 Millionen. Nur noch 13 % der Katholiken gehen regelmäßig zur Kirche. 2008 be­trug diese Quote noch 13,4 Prozent. Es mangelt auch an Priestern. 2011 werden im Bistum Osnabrück noch zwei Männer zu katholischen Priestern geweiht, im kom­menden Jahr wird es voraussichtlich nur noch einer und im Jahr 2013 vermutlich kein einziger mehr sein. Was vor einer Generation eine skurrile Meldung aus den Niederlanden war, ist mittlerweile auch bei uns ein vertrauter Gedanke: Kirchen werden abgerissen oder verkleinert. 2011 wurde im Dekanat Bremen, also dem Teil von Bremen, der zum Bistum Osnabrück gehört, mit der St. Barbara-Kapelle in Arbergen das dritte katholische Gotteshaus abgerissen. 1994 war die St. Franziskus Kirche in Grolland abgerissen worden,

im März 1999 die St. Laurentius Kirche in der Gartenstadt Vahr, die allerdings ersetzt wurde durch eine Kapelle im Caritas-Altenheim St. Laurentius, das an glei­cher Stelle errichtet wurde. Entwidmet wurde zudem 1994 die St. Katharina Ka­pelle in Borgfeld. 2009 wurde die Herz Jesu Kirche in der Neustadt umgebaut und in das Caritas-Altenpflegeheim St. Michael integriert,

meldete der Katholische Gemeindeverband Bremen am 3. Juli 2011 unter den Titel „Bewegender letzter Gottesdienst in Arbergen.

Diese Zahlen sehen nicht gut aus. Eine Tabelle in Wikipedia zeigt das Dilemma von uns Katholiken in Deutschland anschaulich auf:

Mitgliederzahlen der Katholiken im wiedervereinigten Deutsch­land

Jahr

Anteil der Bevölkerung in  %

Anzahl
in 1000

Priesteranzahl

Anzahl je Priester

1991

35,1

28198

19438

1451

1995

33,9

27215

18663

1458

1997

33,4

27383

17931

1529

2000

32,6

26817

17129

1566

2005

31,4

25905

16190

1600

2006

31,2

25685

15935

1612

2007

31,0

25461

15759

1615

2008

30,7

25177

15527

1621

2009

30,5

24909

15367

1621

2010

30,2

24651

15136

1628

Den Protes­tanten ergeht es noch schlechter. 2009 waren es in Deutschland nur noch 24.194.986. Zum ersten Mal seit der Reformation gibt es in Deutschland wie­der mehr Katholiken als Protestanten. Was tut’s?! Aus beiden großen Volkskirchen sind inzwischen „Sekten“ ge­worden, wie sie selbst früher religiöse Splitter­gruppen nannten. Modern gesagt: unsere Kirchen verkörpern eine Subkultur.

Findet jetzt der „Untergang des Abendlandes“ statt, wie Oswald Spengler ein Buch betitelte, das 1918 erschien und wovon schon Friedrich Nietzsche (1844-1900) ge­sprochen hatte?

Von „Untergang“ zu sprechen, scheuen sich viele. Das klingt für sie zu pessimis­tisch. Sie sprechen lieber von einer „Transformation“. Das wiederum klingt mir zu hochtrabend und beschönigend. Ich halte es mit dem Historiker Christian Graf von Krockow. Er schrieb 1998 ein Buch über die Zukunft Deutschlands im 21. Jahrhundert und betitelte es mit „Der deutsche Niedergang“. Seine Erkennt­nisse fasste Krockow in dem Satz zusammen: „Aus historischen Bedingungen, die von weither kommen, sind akute Probleme entstanden, die als kaum mehr lösbar erscheinen.“ (S.209).

Meine Kirchenoberen wollten mit mir nicht über die prekäre Lage der Christen in Findorff, in Bremen und in Deutschland reden. Man ignoriert und verdrängt das Problem. Ich kenne ein solches Verhalten von meiner Partei her, der SPD, in der ich mich ebenfalls engagiere. In zwei Arbeitsgemeinschaften bin ich recht aktiv: In der Gruppe „SPD 60 +“ und im Arbeitskreis „Christen in der SPD“. Ich mache mir Sorgen um unsere Partei: Innerhalb von 15 Jahren sank die Zahl unserer Mit­glieder von 15.000 auf 5.000. Auch hier ist eine Trendwende nicht zu beobachten und zu erwarten. Unser SPD-Landesgeschäftsführer und viele Genossinnen und Ge­nossen, die in der Hierarchie über mir stehen, reagieren ebenso wenig auf meine Schreiben oder Anrufe zu diesem Thema. Wie meine Kirchenoberen demonstrie­ren auch sie mir, dass sie die Herren sind und ich der Knecht. Wollen sie sich damit gegen Unbefugte und Unwillkommene, wie ich es einer bin, abschotten und absi­chern? Wenn ja, wozu das? Bei den meisten Menschen gelingt ihnen das jedenfalls. Die geben auf und verlassen die Kirche bzw. die Partei. Ich bleibe stur. Ich sehe mich als Außenseiter und Rebell. Ich mag diese Rolle, aber dieser Typ Mensch ist in keiner patriarchalischen Organisation willkommen. Ich baue darauf, dass ich we­nigstens nach meinem Tod oder wenn ich stumm und zahnlos geworden bin, als Ferment einer fruchtbaren und fortschrittlichen Gesellschaft gepriesen werde. Das ist nicht nur in der Politik und in der Kirche und in den Verbänden so, sondern ist Bestandteil unserer Kultur geworden. Selbst Redaktionen von kulturtragenden Blättern, denen ich Le­serbriefe und Artikel zum Abdruck anbot, antworteten mir ebenso wenig wie die Vertreter von Behörden, die ich um Auskünfte betr. deren Tätigkeit bzw. Untätigkeit gebeten hatte. Sie verhielten sich samt und sonders wie gemeinhin eine Ex-Frau oder wie Firmen, bei denen ich Reklamationen anmeldete.

Paul Watzlawick (1921-2007) ist der Experte für „Menschliche Kommunikation“, dem ich viele Einsichten darüber zu verdanken habe, wie Kommunikation zu deu­ten ist. Für ihn gibt es keine „Nicht-Kommunikation“. Antwortet mir jemand nicht, obwohl er dazu in der Lage gewesen wäre, signalisiert er mir Verweigerung von Kontakt, Kommunikation und Interaktion. Diese Erkenntnis ist nicht neu: „beredtes Schweigen“ nannte das der Volksmund. Was aber will mir derjenige da­mit sagen? Im Bereich der untergehenden patriarchalischen Institutionen ist so viel allemal sicher: Da lehnt jemand, der in der Hierarchie über mir steht, den Kontakt zu mir in der Art und Weise ab, wie ich ihn gerne hätte: in gegenseitigem Respekt vor dem anderen Mensch und durchaus auch in Ansehen dieses höheren Platzes, aber face to face auf Augenhöhe. Es erfordert Mut, mit dem anderen, mit dem man uneins ist, zu reden, statt mit Gleichgesinnten über ihn. Ich kenne das von mir. Aber es gibt dazu keine sinnvolle Alternative. Nicht zu antworten ist eine alte Tra­dition im patriarchalischen System von Herrschaft, vorrangig im Umgang von Be­hörden und Politikern mit uns Bürgerinnen und Bürgern, die den Untergang be­schleunigt. Den möchte ich bremsen, ihn entschleunigen, aber das kann ich nur hier und da. Im Falle meiner Kirche ließ ich nicht locker und sprach meine beiden Pastoren bei passender Gelegenheit nach der heili­gen Messe in St. Boni­fatius oder in St. Josef in Bremen-Oslebshausen, wo ich ab und zu als Messdie­ner tätig bin, auf meine wie­derholte Bitte um ein Gespräch an, bei einem Kaffee oder einfach so. Ich bekam nur Ausreden zu hören. Mehr noch: Hatte ich bis da­hin noch gute Kontakte zu Mitgliedern der zentralen bremi­schen Kir­chenleitung um die Pfarrkirche St. Johann herum gehabt, so blieben seit dieser Sache alle meine Versuche, mit dem sog. „Kleinen Vatikan“ zu kommu­nizieren, ohne Antwort. Auch hier bekam ich, wenn ich je­manden darauf ansprach, nur Ausreden zu hören. Diese Nicht-Kommunikation war gewollt, war gestaltete Politik mit Anweisungen an die kirchli­chen Mitarbeiter im Verkehr mit mir: „Korol ignorieren!“. Ich wurde, neudeutsch gesagt, gemobbt. Nur, was hatte ich getan, außer im Geist der Ökumene einen Vorschlag zu machen, der den Nieder­gang unserer Katholischen Kirche und des Christentums in Bre­men vielleicht ein we­nig hätte ab­bremsen können?! Nicht viel. Es ging mir um ein gemeinsames Haus, um Ökumene eben. Das war nicht gewollt, sei es aus theologischen Gründen oder darum, das Heft in der Hand zu behalten. Es ging nicht um Inhalte, sondern um die Beziehung: Man wollte wie eh und je sei­nen Herrschaftsbereich gegen alle Initiativen von unten abgrenzen. Einer der Geistlichen, mit dem ich mich, vor Jahren schon, über das Thema „Öku­mene“ sprach, sagte mir: „Was sollen wir Katholiken mit Ökumene?! Dann wer­den wir ja noch profilloser, als wir es ohnehin schon nach dem Zweiten Vatika­nischen Konzil (1962-1965) unter Papst Johannes XXIII. geworden sind!“ Unsere Kirchenoberen wollen sich schlicht von niemandem in ihr Geschäft reinreden lassen, schon gar nicht von ihren Gläubigen, ihren, politisch gesprochen, Untertanen. Da sind sie nicht anders als die weltlichen Herrscher. Selbstverständlich sind ihre Kontakte zu den Oberen der Protestanten, Juden und auch der Russisch-Orthodoxen wie auch zu den Vertretern der Politik gleich welcher Couleur bestens.

34 1 Und das Wort des HERRN erging an mich: 2 Du Mensch, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen, zu den Hirten: So spricht Gott, der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Sollten die Hirten nicht die Schafe weiden?! 3 Das Fett esst ihr und mit der Wolle bekleidet ihr euch und die fetten Schafe schlachtet ihr – ihr weidet die Schafe nicht! 4 Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und was krank war, habt ihr nicht geheilt, und was gebro­chen war, habt ihr nicht verbunden, und was versprengt war, habt ihr nicht zu­rückgeholt, und was verloren gegangen war, habt ihr nicht gesucht, und mit Macht habt ihr sie niedergetreten und mit Gewalt. 5 Und weil kein Hirt da war, haben sie sich zerstreut und sind sie zum Fraß geworden für alle Tiere des Feldes, und so haben sie sich zerstreut. 6 Auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel irren meine Schafe umher, über das ganze Land sind meine Schafe zerstreut, und da ist niemand, der nach ihnen fragt, und niemand ist da, der nach ihnen sucht.

Unser Bürgermeister, unser Propst und der Schriftführer der Evangelischen Kirche Bremens sind ein Herz und eine Seele. Man trifft sich und versteht sich in dem Maße, wie man sich die Macht teilt und jedwede Bewegung von unten bekämpft. Man achtet auf jeden Windhauch, bleibt immer sanft und unterstützt alle modi­schen Gutmenschenprojekte bis hin zur Unkenntlichkeit der eigenen Identität. Der Einzelne, der Bürger, der Gläubige, der Genosse, gar der Außenseiter, gilt ihnen so wenig wie weiland Fürst Metternich (1773-1859), der im Rahmen der Heiligen Alli­anz die Republikaner und Demokraten bekämpfte. Unsere Oberen stehen in einer unheilvollen Tradition, zu der auch gehörte, dass die Kirchen in beiden Weltkriegen die Waffen des eigenen Landes segnete, mit Hilfe derer sich dann auf Geheiß der Politik Menschen gegenseitig totschossen, die sich gegenseitig kein Vergehen und kein Verbrechen vorzuwerfen hatten. Sie kannten sich nicht einmal.

Der Erste Weltkrieg ist der Wendepunkt der europäischen Geschichte. Er ist als Versuch der europäischen Patriarchen unter der Führung der deutschen zu deuten, den eigenen Untergang dadurch aufzuhalten, dass man zeigte, wie aktuell und stark man immer noch war. Es ging weder um Religion noch um Besitz noch um Rache. Kein Soldat hatte Grund, in einen Krieg zu gehen, aber fast alle waren autoritätsfi­xiert, gehorsam eben. Je dümmer sie waren, desto begeisterter warfen sie sich 1914 hinein und hatten nicht die Kraft auszusteigen, als sie nach den ersten Kriegsmo­naten aus ihrer Kriegshysterie erwachten. Sie waren ohne Selbstbewusstsein und brachten sich weiterhin gegenseitig um: Die Proletarier, vereint in der II. Internati­onalen der Arbeiterbewegung; die Bürger, vereint im Geist der europäischen Kul­tur; und die Christen, die sich eigentlich zum Ziel gesetzt hatten, Nächstenliebe zu pflegen. Dazu gehört eben auch die Feindesliebe. Sie alle verrieten ihre Ideale auf Geheiß ihrer Vorgesetzten, die sich selber schadlos hielten und zu ihren Unterge­benen keine andere Beziehung hatten als die von Herr und Knecht, während sie mit den Herren der verfeindeten Staaten weiterhin in bestem Einvernehmen stan­den. Karl Liebknecht (1871-1919) brachte diesen Komplott der Herrschenden unter­einander und ihren Verrat an ihren Untertanen auf den Punkt. Als Italien im Mai 1915 in den Welt­krieg eintrat, machte er die Deutschen in einem Flugblatt dar­auf aufmerksam: „Der Hauptfeind des deutschen Volkes steht in Deutsch­land: Der deut­sche Impe­rialismus, die deutsche Kriegspartei, die deut­sche Geheimdi­ploma­tie.“ Liebknecht prägte die Lo­sung „Burg­krieg, nicht Burgfriede!“. Für diese aufklä­rerischen Sätze, die zur Revolution in Deutschland aufriefen, wurde er später er­mordet.

Wir Heutigen leben seit 1945 in Frieden und in einem Wohlstand, wie ihn kaum ein Land der Welt sonst kennt und wie er in der gesamten Geschichte in dieser Band­breite selbst Königen und Kaisern unbekannt war. Kritiker wie ich sind nicht mehr an Leib und Leben gefährdet. Aber eine Parallele zum System Metternich und dem Ersten Weltkrieg ist unübersehbar: Damals stellten die Bürger den Herrschaftsan­spruch des Adels und die Proletarier den der Bourgeoise radikal in Frage stellten. Heute werden die patriarchalischen Institutionen, zu denen die Kirchen samt und sonders gehören, radikaler denn je infrage gestellt und kritisiert. Unbeschadet des drohenden Untergangs herrschen unsere Kirchenoberen wie eh und je über ihr Kirchenvolk, aus wie wenigen es auch inzwischen bestehen mag. Da müsste jede Idee, die den Untergang bremst, willkommen sein. So dachte ich und hielt die Ver­weigerung der Kommuni­kation mit mir für ein Versäumnis, das man über kurz oder lang schon nachholen werde, oder für einen Irrtum, den die studierten, gebil­deten und klugen Kleriker der Katholischen Gemeinde und die bre­misch weltof­fenen Angestellten und Beamten des Katholischen Büros zu Bremen wohl bald einsehen und korrigieren würden.

Das war ein Irrtum.

Ich habe in der Hierarchie der Kirche meinen Platz, ganz unten zwar, aber immer­hin: Ich bin Vorsitzender der KAB für den Bezirk Bremen. Zufällig erfuhr ich recht früh von den Bestrebun­gen meiner Kirche, die einzige religi­öse Buchhand­lung in Bremen zu schließen, von vielen Bremern immer noch „Herder-Buch­handlung“ genannt, obwohl sie schon seit Jahren „Buch­handlung am Schnoor“ hieß. Sie lag mitten im Zentrum Bremens, auf dem Weg von der Domsheide zur Weserbrücke, zwischen der katholischen Hauptkirche St. Johann, Rathaus und Dom. Sie war ein kultureller Leucht­turm unserer Kirche für ganz Norddeutschland. Ihre Schließung würde ich als gro­ßen Verlust für Bremen empfinden.

Als Bremer Bürger und als KABler nahm ich den Kampf dagegen auf. Der Stell­vertreter des Bischofs von Osnabrück in Bremen ist der Propst. Ich bat ihn um ein Gespräch über die drohende Schließung der „Buch­handlung am Schnoor“ in der Hoffnung, sie durch Argumente verhindern zu kön­nen. Ma­ria, meine Stellvertrete­rin im Amt des KAB-Vorsitzenden, kam dazu. Das Ge­spräch blieb erfolglos. Maria und ich hatten auf einen guten Hirten ge­hofft, auf einen Seelsorger, der unsere Sor­gen ernst nahm, aber der Propst gab sich ganz als Betriebswirt, der uns klar machen wollte, dass diese Buch­handlung ein Zu­satz­geschäft sei, das die Kirche finanziell nicht tragen könne, zumal nicht in diesen Zei­ten, da die Kirchensteuern immer we­niger sprudelten. Im übrigen habe er in der Angelegenheit keine Stimme, das sei Sache der Gesellschaft „Dom Me­dien“. Über sie kann man im Internet lesen:

Dom-Medien GmbH. Kleine Domsfreiheit 23. 49074 Osnabrück. Der katholische Verlag und Werbeagentur in Osnabrück. Wir gestalten Ihre Werbung und Kom­munikation. Von der Gestaltung ihrer Medien bis zur technischen Ausrüstung.

Wir alle drei wussten, dass die „Buch­handlung am Schnoor“ in den letzten zehn Jahren bewusst als Abschrei­bungsobjekt der Dombuchhandlung in Osna­brück ge­dient hatte. Nun, da auch jene Buchhandlung Verluste schrieb, konnte man gut auf die Bremer Buchhandlung verzichten, die in der Tat nicht besonders attraktiv war, hatte man doch seit Jahren nichts mehr darein investiert. Der Bremer Staat begann vor zehn Jah­ren damit, lukrative Behörden und Ämter zu halb privaten Firmen umzugestal­ten, sie „outzusourcen“, inzwischen sind es 250, und ihnen originäre Staatsge­schäfte zu übertragen, geführt von Männern mit Stallge­ruch, von Beamten, die immer ihr Gehalt bekommen, mag ihr Versagen auch noch so offenbar sein, nun in vielen Fällen noch dadurch aufgestockt, dass sich diese Beamten aus ihrem Status als „Beamte“ beurlauben ließen, um im Status als „Angestellte“ noch eine Rente zu erwirtschaften. Nach diesem Modell bauten viele Körperschaften ihr Haus um. Gemeinnützige Organisationen wie die Caritas, das Rote Kreuz, die AWO etc. gründeten Finanzgesellschaften, um ihre Status der Gemeinnützigkeit zu erhalten und lenkten dorthin die Gewinne. So auch meine Kirche, die u.a. eine Schulstiftung und „Dom Medien“ gründete. Friedhelm Hengsbach SJ setzte sich mit diesem Trend auseinander. Er schrieb darüber in dem TextGottes Volk im kirchlichen Exil. Auf dem Weg zum Ökumenischen Kirchentag in München 2010:

Die katholischen Bistümer haben sich von privaten Unternehmen beraten lassen, um die drei belastenden Knoten sinkender Steuereinnahmen, sinkender Kirchen­mitglieder und einer sinkenden Zahl von Priesteramtskandidaten auf einen Streich durchzuhauen. Diese Beratungsfirmen haben den Kirchen dasselbe geraten, was sie den Unternehmen in der Blütezeit des Finanzkapitalismus und vor dessen beispielloser Krise zu empfohlen gewohnt waren: Kosten senken, Personal abbauen, sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, zu größeren Einheiten fusionieren und die hierarchischen Strukturen verstärken.

Karl Marx prophezeite diese globale Durchkapitalisierung schon 1848. Er schrieb im „Kommunistischen Manifest“, die moderne Staatsgewalt werde nur noch ein Ausschuss sein, „der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“

Kirche, Parteien, Gewerkschaften, Verbände und der Staat selbst sind in patriar­chalische Einrichtungen, die in ihrer traditionellen Form dem modernen Kapitalis­mus nicht gewachsen sind. Auch sie gehen jetzt auf den Raubzug nach mehr Kapi­tal, ideologisch geschützt durch den guten traditionellen Namen, der nichts mehr als eine leere Hülle ist. Den Zölibat abzuschaffen und Frauen zum Priesteramt zu­zulassen, tut sich meine Kirche so schwer wie eh und je, aber ihr Anteil am Kapita­lismus ist up to date. Da erfolgte eine Revolution passiert, die kaum jemand wahr­nahm. Marx hatte sie prophezeit, wenn 1848 schrieb, die Bourgeoisie werde „höchst revolutionär“ vorgehen. Er beschrieb auch die Schäden, die der revolutio­näre Kapitalismus anrichten würde:

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchali­schen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“.

Mit dem Kapitalismus, so Marx, hätten Religion und Kirche ausgespielt. Der Ka­pitalismus ertränke in seinem Siegeszug über kurz oder lang überall „die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürger­lichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung.“ Die persönliche Würde werde „in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen ver­brieften und wohlerworbenen Freiheiten“ werde „die eine gewissenlose Handels­freiheit gesetzt.“ Religion und Politik Kapitalismus lebten gleichermaßen von Illu­sionen, die sie in den Menschen erzeugten. Der Kapitalismus setze, „mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Aus­beutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung.“

Die Folgen, die Marx 1848 beschreibt, sind heute sichtbar, nicht nur im Bereich der Arbeiter und An­gestellten, sondern auch in Bereichen, die über Jahrhunderte etwas Besonderes waren, sozial und politisch. Lehrer wie ich, Apotheker, Ärzte und Pastoren waren bis vor wenigen Jahrzehnten hoch geachtet und einflussreiche Gestalten. Heute sind wir so eingereiht in die Schar der Arbeitnehmer, wie das in der Sowjetunion der Fall war:

Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.

Staat und Kirche regelten über Jahrhunderte die persönlichen Beziehungen zwi­schen den Menschen bis hinein in das Intimleben. „Liebe“ wurde reserviert für die Ehe. Die vorrangige Aufgabe dieser patriarchalischen Institution war es, dass dar­aus eine Familie mit Kindern entstand. Die Aufklärung kämpfte erfolgreich gegen diese Bevormundung. Das ist zu begrüßen. Problematisch ist dabei nur, dass es of­fenbar vielen Menschen schwer fällt, an die Stelle der Bevormundung ihre eigene Entscheidung zu setzen, entstanden aus Vernunft und Herz. Just in dem Moment, wo die Aufklärung zu mehr Selbstbestimmung führen soll, bricht unser Schul- und Bildungssystem zusammen. Die Dummen werden nicht alle. Ein Extrem löste das andere ab. In Deutschland wird jede dritte Ehe geschieden, obwohl, sieht man von den Zwangsehen bei türkischen Einwanderern ab, niemand von den Brautleuten mehr dazu gezwungen war und sich die Ehepartner durchweg vorher so gut ken­nen gelernt hatten wie früher nicht in einem ganzen Eheleben. Die Familie als „Keimzelle des Staates“ und die Ehe als Sakrament sind am Ende. Man mag sich fragen: Wer hat da gesiegt – die Aufklärung oder der Kapitalismus? Marx hat auch hier allemal recht behalten, wenn er prophezeite: „Die Bourgeoisie hat dem Famili­enverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“

Das „Bodenpersonal Gottes“ in meiner Heiligen Mutter Kirche vom kleinen Prak­tikanten bis hoch zum Papst müsste sich vorrangig um den Auftrag von Kirche kümmern und für das Seelenheil der Gläubigen und die Prägung der Gesellschaft und des Alltags durch eine katholische Ethik arbeiten, kämpfen und leiden. Das unterbleibt. Die Frage, ob die Kirchen voll oder leer sind oder ob und wie die Zahl der Austritte gestoppt werden könnte, lässt meine Kirchenoberen so sehe ich das das, kalt. Diesem Thema nähern sie sich höchstens organisatorisch, durch sog. „Strukturveränderungen“. Gemeinden wurden zu „pastoralen Räumen“ zusammengelegt. Man kennt die Wirkungslosigkeit solchen Vorgehens aus der deutschen Bildungspolitik. Der Geist bleibt auf der Strecke. Dabei wäre er für den Erhalt der Kirche und einer religiös geprägten Gesellschaft lebenswichtig. Es geht, so scheint es mir mitunter, immer weniger Geistlichen um den Menschen, sondern um ein verzweifeltes Festhalten am Status quo samt den damit verbunde­nen Privilegien in der Hoffnung, der Niedergang würde bald gestoppt werden und eine Roll back-Bewegung werde einsetzen. Den Verwaltern unserer Kirche gar und den Kapitalisten in den neu gegründeten Untergesellschaften ganz gewiss geht es naturgemäß mehr um die Reichtümer unserer Kirche als um das Seelenheil der Steuerzahler. Sie gründet Gesellschaf­ten mit klingendem Namen, denen sie diskret die Vermarktung ihrer zahllosen Besitztümer überlässt.

Darum konnten Propst und Bischof auch guten Gewissens die Ver­antwortung für die Schlie­ßung der „Buch­handlung am Schnoor“ von sich wei­sen und, wie weiland Pontius Pilatus, ihre Hände in Unschuld waschen. „Dom Me­dien“ sei schuld. De­ren Geschäftsführer rief ich zwei Mal an, um auch ihn zum Ein­lenken zu bewegen. Wie schon bei der Frage, ob wir Findorffer Katholiken nicht in die protestantische Martin-Luther-Kirche umziehen sollten, bekam ich auch in dieser Angelegenheit nur Ausreden zu hören, bestenfalls waren es Rechtfertigun­gen. Begründungen blie­ben aus.

Das hinzunehmen fiel mir schwer. Ich wandte mich an unseren Bürgermeister, der ja auch Kirchensenator ist und mit dem Propst in bestem Einvernehmen steht. Ich weiß nicht, ob er reagierte. Erfolgreicher war ich, als ich den kirchenpolitischen Sprecher meiner Partei, den Genossen Christian Weber, auf die Sache ansprach. Er schrieb einen Brief an den Bischof. Das bewirkte nichts, tat mir aber gut. Ich selber schrieb auch nach Berlin an den Bundespräsidenten Christian Wulff in der Hoff­nung, er, der ja Ministerpräsident von Niedersachsen gewesen war und mit unseren Kirchenoberen in Osnabrück gut bekannt, könne da vermittelnd tätig werden. Nach sieben Wochen kam ein Brief aus seiner Behörde mit dem Hinweis, der Bun­despräsident mische sich da nicht an. So reagierte auch der Nuntius in Berlin, nachdem ich mich auf dem Dienstweg an seine Heiligkeit gewandt hatte mit der Bitte, da einzugreifen. Vielleicht fragte der Nuntius in Osnabrück nach, was denn da in Bremen los sei, und der Bischof fragte den Propst in Bremen. Keiner wurde da mehr tätig und keinem von ihnen gefiel mein Engagement für die Buchhand­lung. Seitdem herrscht Funkstille zwischen dem Bremer „Kleinen Vatikan“ und mir. Eine Zeitlang nahm man mit mir noch Kontakt auf, wenn wir uns in der Öf­fentlichkeit bewegten. Dann unterhielten wir uns prächtig. Seitdem aber dieser Satz auf meiner Homepage zu lesen war, das war im Sommer 2011, brach auch dieser Kontakt ab. Das wurde deutlich spätestens auf dem sog. Willehad-Empfang, der alljährlich im Rathaus statt findet, dieses Jahr am 7. November. Unser Bürgermeis­ter und der Propst laden dazu ein. Ich war auch eingeladen und kam, wie immer zu solchen Anlässen, mit meiner Frau. Es war ein wunderschöner Abend in einem wunderschönen Raum. Die Reden waren so, wie sie sein sollen: Informativ, leicht, humorvoll, seriös. Die Beziehungsebene war eine andere. Man ging mit mir schär­fer um als im Vorjahr, wo man mir noch einen Small talk zubilligte. Damit war Schluss. Weder die Leiterin des Katholischen Bildungswerkes noch die Presserefe­rentin beachteten mich. Der Propst ging mir aus dem Weg, als ich ihn grüßte. Da verhielten sich alle drei wie unser Bürgermeister, der mich geradezu demonstrativ übersah. Ich bin sein Genosse. Er weiß, dass ich zu den Delegierten gehörte, die ihn auf dem Landesparteitag vor einem Jahr mit 100 % der Stimmen zu unseren Spitzenkandidaten bei der Wahl zur Bremischen Bürgerschaft auf den Schild ho­ben. Ich machte für ihn öffentlich Wahlkampf. Aber er weiß, dass ich seine Politik als Bürgermeister für falsch halte. Das mag ihn ärgern und er ignoriert mich, wo er kann. Ich bin so unbedeutend, dass er es sich gut leisten kann, mich zu übersehen und übrigens auch meine Frau, die mich auf solchen offiziellen Treffen immer be­gleitet. Das bestätigt mich in meiner Ansicht, dass er ebenso wenig seinem hohen Amt gewachsen ist wie meine Kirchenoberen, die sich ebenso ignorant verhalten. Nach sechs Jahren im Ausland und da stets umgeben von Politik und Diplomatie maße ich mir ein Urteil über dieses Verhalten an: ich halte es für ein Zeichen von Schwäche.

Diesen Abend im Rathaus anlässlich des Willehad-Empfangs krönte ein Gespräch, das ich mit dem Leiter der Einrichtung hatte, die unsere Kirche sehr aufwändig in­stallierte und betreibt, um ein Schaufenster in die Welt zu haben: „Atrium Kirche“ heißt die Einrichtung, direkt gegenüber der Kirche St. Johann. Sie wirbst mit fol­genden Sätzen:

Atrium Kirche“ ist das Infozentrum der Katholischen Kirche in Bremen. Sie fin­den bei uns: Informationen über Gemeinden und Einrichtungen, über Veranstal­tungen, kirchliche Arbeit und Dienstleistungen Rat und Hilfe bei der Kontaktauf­nahme zu Einrichtungen von Caritas, Diakonie und Beratungsstellen. Wir haben Zeit für Sie! Wenn Sie wünschen, auch für ein persönliches Gespräch.

In „Atrium Kirche“ sollen Bürger ihr Interesse an Religion und Kirche entdecken. Eine gute Idee! Die Protestanten betreiben ebenfalls eine solche Einrichtung, „Ka­pitel 8“ heißt sie da und liegt zwischen Dom und dem Konzertsaal „Die Glocke“. Zentraler geht’s nicht. „Kapitel 8“ wird geleitet von einer Pastorin, „Atrium Kir­che“ von einem theologisch nicht minder qualifizierten Laien. Beide werden unter­stützt von Ehrenamtlichen. Aus meiner, gewiss sehr schränkten, Sichtweise sind beide Einrichtungen ein Flop. Sie sind nicht annähernd so nachgefragt, wie das, gemessen am Aufwand und an der fantastischen Lage, der Fall sein sollte. Ich würde gerne für die vielen Gruppen, in denen ich tätig bin, diese Räume für regel­mäßige oder gelegentliche Treffen nutzen. Das gelang mehrfach mit „Kapitel 8“, da kam unser Arbeitskreis „Christen in der SPD“ unter. Damit ist seit einem halben Jahr Schluss. Ich bin mittlerweile auch bei einigen führenden Protestanten unwill­kommen. Frage ich jetzt nach, ob ich den Raum für ein Treffen in dieser oder jener Gruppe bekommen könnte, wird das mit den fadenscheinigsten Begründungen ab­gelehnt. Auf dem letzten Willehad-Empfang wollte ich wissen, wie ich mit meiner Kirche dran bin. So fragte ich den Leiter von „Atrium Kirche“, ob nicht dann und wann in seinem Haus nach der offiziellen Schließung um 18 Uhr Platz sei für eine Gruppe von Außenseitern sei, wie ich es einer sei. Wir seien ein rundes Dutzend an Leuten, die politisch, sozial und kulturell interessiert seien, aber den etablierten Or­ganisationen kritisch gegenüber ständen oder ihnen den Rücken gekehrt hätten. Genau so sagte ich das. Er antwortete programmgemäß: Da könne ja jeder kom­men. Darum habe er mir schon abgesagt, als ich nach einer Öffnung von „Atrium Kirche“ für die KAB gefragt habe.

Auf diese Antwort hatte ich mich eingestellt hatte. So bedankte ich mich auch freundlich, als er mich anregte, doch einmal in der Verwaltung des Katholischen Gemeindeverbandes nachzufragen. Die hätten gewiss einen Raum dafür. Er wusste, dass das nicht stimmte. Selbst für die KAB ist da kein Raum mehr, nach­dem wir über zwei Jahre das Glück gehabt hatten, montags die Seemannsmission „Stella Maris“ nutzen zu können, bis sie zusammen mit der „Buchhandlung am Schnoor“ verkauft wurde.

Das Schlimme am Untergang meiner Kirche finde ich nicht den Untergang selbst, sondern dass er so unwürdig geschieht.

Das zeigt die Lage, in der sich die katholischen Verbände befinden. Unsere KAB Bremen etwa ist stark ausgedünnt, überaltert und nur noch wenig aktiv. Nur 14 un­serer 125 Mitglieder sind noch be­rufstätig. Nachwuchs, der in unsere Fußstapfen treten könnte, ist nicht in Sicht. Wir wenigen Aktiven engagieren uns noch in drei Bereichen: Unterstützung des Weltnotwerks, Kampf gegen Sonntagsarbeit und Kampf für Arbeitszeitverkürzung. Das wäre aussichtslos, wären wir nicht einge­bunden in die Zusammenarbeit mit VER.DI, IG Metall, NGG, den evangelischen „Kirchlicher Dienst in der Arbeits­welt“ (kda), attac und die Bremer Arbeitnehmer­kammer. Die Mitglieder meiner KAB sind durchweg um die 70 Jahre alt, alles alte Haudegen, niemandem mehr als den hehren Zielen der KAB verpflichtet.

In meinem Kampf für den Erhalt der „Buchhandlung am Schnoor“ hatte ich er­wartet und gehofft, dass mir meine KAB loyal zur Seite steht, wenigstens aber dass sie mein Vorgehen zur Rettung der „Buch­handlung am Schnoor“ begrüßt. Die KAB hat sich ja eben dem Kampf für das Soziale auf die Fahne ge­schrieben, den ich hier führte. Ich wurde bitter enttäuscht. Viele Mitglieder der KAB verstehen unter dem Kampf für das Soziale nur Wohllöbliches im Sinne unse­rer kirchlichen Oberen wie den Einsatz für Fairen Handel und das Sammeln von Altpapier für Peru. Sie halten das Verteilen von Almosen für wichtiger als den Kampf um die Veränderung der Gesellschaft mit dem Ziel, Almosen überflüssig werden zu lassen. Es kam noch viel schlimmer. Bis auf wenige Ausnahmen wa­ren meine KABler über mein offensives Vorge­hen zur Rettung der „Buch­handlung am Schnoor“ und zum Schutz von deren Mit­arbei­terinnen und Mitarbeitern vor unternehmeri­scher Willkür geradezu entsetzt und kritisierten mich heftig. Ich war ratlos und verunsi­chert, bis ich just in jenen Tagen einen Vortrag des Sozialpsy­chologen Gerhard Vinnai hörte. Er sprach über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen vor­zugsweise in Pri­vatschulen und der Katholischen Kirche. Ich dachte, ich kennte die Katholi­sche Kirche, aber Vinnai machte mir klar, dass ich nicht nur an meinem ei­genen Verhalten, sondern auch an der Verfasst­heit der Katholischen Kirche ge­scheitert sei. Zum einen, führte er aus, präge das Prinzip des Gehorsams auch heute noch die Katholische Kirche in einem Maße, wie sich das ein auf­geklärter Mensch gar nicht vorstellen könne; zum zweiten seien die­ser Gehorsam und die damit ver­bundene Fixierung auf Autorität kein genuines Kennzeichen der Katholi­schen Kir­che, son­dern beides habe sich in Deutschland nach der misslungenen Re­volution von 1848 ent­wickelt und dann mit der Verpreu­ßung Deutschlands nach der Reichsgründung 1871 durchgesetzt. Diese Erkenntnis befreite mich ein wenig, be­lebte sie doch meine Hoffnung, dass in meiner Katholischen Kirche demnächst ein anderer Wind wehen könnte, ein demokratischerer, gäbe man ihr nur ein wenig Zeit dazu.

Was suchten unsere Vorfahren, Männer wie Frauen, in der Kirche? Schutz, Glaube und Liebe. Nicht viel anderes als in der Ehe: Trost, Schutz und Liebe. Die Sehn­sucht danach, unter dem häuslichen Dach wie in der Gesellschaft, beschrieb kaum jemand so schön wie Elvis Presley ( 1935-1977) in seinem Lied von 1969: „The wonder of you”:

When no-one else can understand me

When everything I do is wrong

You give me hope and consolation

You give me strength to carry on.

Bei der Heirat versprachen Mann und Frau, sich zu lieben, bis dass der Tod sie scheide. Liebe war in der Ehe selten. Sie war häufig genug eher die wahre Hölle, in erster Linie für die Frau, offenbar aber auch für den Mann, denn anders ist kaum zu erklären, dass er sich so wenig wie möglich unter dem häuslichen Dach aufhielt und sich in Abenteuer und Kriege flüchtete. Da sein Leben zu riskieren, schien ihm wohl immer noch erstrebenswerter zu sein, als bei seiner Familie zu sein. Mann und Frau hassten sich, statt sich zu lieben. Wie sich der Mann durchweg gnädig gegen­über der Frau verhielt, aber denn doch sehr autoritär und lieblos, wenn ihm danach war, so auch die Kirche gegenüber den Gläubigen. Sie beanspruchte für sich, den göttlichen Auftrag erhalten zu haben, unter den Menschen Nächstenliebe zu verbreiten. Allein, sie verstieß immer wieder selbst dagegen. Sie konnte das, sie hatte die Macht dazu. Erst in der Zeit der Aufklärung wurden Kirche und Religion zunehmend Zielscheibe des Angriffs. Kaum jemand tat das so treffsicher in weni­gen Worten wie Goethe (1749–1832) in seinem Gedicht „Prometheus“ von 1774. Wie Elvis 200 Jahre nach ihm beschrieb Goethe, was der Mensch sich von der Kir­che erhoffte. Er kritisierte im Gewand des griechischen Helden Prometheus, der Zeus kritisiert, die Kirche:

Da ich ein Kind war,

Nicht wusste, wo aus, wo ein,

Kehrt' ich mein verirrtes Auge

Zur Sonne, als wenn drüber wär

Ein Ohr zu hören meine Klage,

Ein Herz wie meins,

Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Der Prometheus Goethes fragt nach, was denn wohl Zeus für ihn getan hätte:

Wer half mir

Wider der Titanen Übermut?

Wer rettete vom Tode mich,

Von Sklaverei?

Hast du die Schmerzen gelindert

Je des Beladenen?

Hast du die Tränen gestillet

Je des Geängsteten?

Er stellt fest, dass Zeus versagt habe. Er sei immer auf sich allein gestellt gewesen, verraten von Zeus:

Hast du's nicht alles selbst vollendet,

Heilig glühend Herz?

Und glühtest, jung und gut,

Betrogen, Rettungsdank

Dem Schlafenden da droben?

Nun hat Prometheus für Zeus nur noch Verachtung übrig:

Ich dich ehren? Wofür?

So wie der Prometheus Goethes nicht einsieht, wofür er Zeus Dank schuldet, so wenig sehen die Menschen heute eine Notwendigkeit, die Kirche und ihre Diener zu ehren. Der Papst wird selbst nicht mehr in Spanien unisono willkommen gehei­ßen, Ehe und Kirche sind in ganz Europa zunehmend out. Auch das sah Goethe schon voraus:

Ich kenne nichts Ärmer’s
Unter der Sonn‘ als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Nicht Kinder und Bettler bevölkern noch unsere Kirchen, sondern ältere Frauen und einige Männer. Sie werden aussterben, neue Kirchenbesucher sind nicht in Sicht. Die Macht der Kirche ist gebrochen. Ihr Kampf gegen mich ist nicht nur lä­cherlich, sondern auch dumm, denn ich gehöre zu den wenigen Bürgerinnen und Bürgern, die gerne den Untergang der patriarchalischen Institutionen verlangsamen würden, auch den der Kirche.

Wir sind moderne Menschen, aufgeklärt wie noch nie in der Geschichte zuvor. Auch meine Kirchenoberen sind aufgeklärter als alle ihre Vorgänger. So sollte man annehmen, sie erfüllten ihren göttlichen Auftrag der Zeit angemessen. Auch hier Fehlanzeige. Unsere Kirchen sind zu Museen geworden, unsere Priester zu Muse­umsdienern. Sie sind mit Problemen und Arbeit völlig überlastet, aber beileibe nicht in ihrer eigentlichen Funktion als Seelsorger, die die letzten verbliebenen Gläubigen betreuen. Ihnen geht es wie den Lehrern und den Ärzten: Wie jene sind auch sie irgendwelchen Bürokraten untergeordnet und sie verbringen den Tag mit Organisationshuberei. Sie haben und nehmen sich selten den Spielraum, eine an­dere Rolle als die zu spielen, die in der Hierarchie für sie vorgesehen ist. Die meis­ten sind gebildet, fleißig und gutwillig. Manchmal schimmert das durch, in einem Gespräch, in einem Kommentar, in einer kurzen Bemerkung. Dann empfinde ich Mitleid mit ihnen. Sie sind Teil einer Maschinerie, wie es Soldaten sind. Sie sind Täter in dieser Organisation Kirche, in der es vorrangig um Geld und Macht geht wie in jeder anderen patriarchalischen Institution. Der eine passt sich mehr an, der andere weniger. Manch einer würde gerne revoltieren. Wer sich zu wenig anpasst, wird zum Op­fer, zum Menschen ohne Alternative. Priester und Bischöfe könnten zwar bei ihrem Arbeitgeber Kirche kündigen. Allein, wer stellt schon einen Ex-Priester ein und für welche Aufgabe, auf die die Kirche keinen Einfluss hat, den sie mit Sicherheit geltend machen würde und der gewiss nicht darin bestünde, ihm Steine aus dem Weg zu räumen! Kündigt ein Priester, verzichtet er damit automa­tisch auf seine beamtenähnliche Al­tersvorsorge. Das kann sich kaum einer leisten. So bleiben die meisten dabei und spielen weiterhin ganz un­glückliche Rollen, etwa die, einerseits ihre Situation kritisch zu sehen und anderer­seits kritische Gläubige eines Schlechteren zu belehren und Außenseiter wie mich ignorieren zu müssen. In dem bereits zitierten Text von Friedhelm Hengsbach überGottes Volk im kirchli­chen Exilheißt es dazu:

Die Kirchenanerkennen zwar weithin die Bestimmungen des staatlichen Ar­beitsrechts, wenn es sich um das individuelle Recht handelt, nicht jedoch, wenn es um das Koalitionsrecht, um Tarifverträge oder gar um das Streikrecht geht. Dabei ahmen sowohl die verfassten Kirchen als auch die ihr zugeordneten Einrichtungen die Praxis der gewerblichen Unternehmen und des Öffentlichen Dienstes beden­kenlos nach, indem sie Personal abbauen, die Arbeit verdichten, Teileinheiten bei abgesenktem Entgelt und verlängerter Arbeitszeit in Leiharbeitsfirmen auslagern, aus kollektiv geregelten Arbeitsverhältnissen aussteigen und sich gleitend von der so genannten Dienstgemeinschaft verabschieden.

Schon immer war der Klerus, vom Priester bis zum Papst, im Dienst der Kirche tätig, aber irgendwie war er kraft seines Glaubens und seines Amtes auch immer unmittelbar zu Gott. Das machte seine Autorität und Würde aus. Davon ist nicht viel geblieben. Der Propst und seine Priester sind Arbeitnehmer wie Millionen an­dere auch. Sie sind zu armen Würstchen degradiert. Vielleicht hob darauf un­ser Bi­schof an Fron­leichnam 2009 im Bremer Dom in sei­ner Predigt mit seinem zweiten Satz ab, den es nun an der Zeit ist zu zitieren. Er sagte, nachdem er über die Hal­bierung der Zahl der Gläubigen und Kirchenbesu­cher im Bistum Osna­brück ge­sprochen hatte: „Aber unsere Kirche ist wie ein Schiff, zu­sammengehalten von Nieten.“ Dafür, dass er das wortwörtlich sagte, ver­bürge ich mich. Es war ein Bonmot auf Kosten seiner Priester und Gemeindehelfer. Aber keiner von denen muckte dagegen auf. Wer so lieblos mit seinem Personal umgeht, handelt unchrist­lich. In Zeiten, da es ihm unter den Händen wegstirbt, handelt er dumm. Bundes­weit verlassen 800 Geistliche jähr­lich Kanzel und Altar, sei es durch Pensionierung oder Austritt, gerade mal 100 Geistliche kommen nach. Das ist weltweit so, hier mehr, dort weniger.

7 Darum, Hirten, hört das Wort des HERRN! 8 So wahr ich lebe, Spruch Gottes, des HERRN, weil meine Schafe zur Beute und meine Schafe zum Fraß geworden sind für alle Tiere des Feldes, ohne Hirt, und meine Hirten nicht nach meinen Schafen gefragt haben und die Hirten sich selbst geweidet und meine Schafe nicht geweidet haben, 9 darum, Hirten, hört das Wort des HERRN! 10 So spricht Gott, der HERR: Seht, ich gehe gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand und sorge dafür, dass sie keine Schafe mehr weiden, und auch sich selbst werden die Hirten nicht mehr weiden. Und ich werde meine Schafe vor ihrem Ra­chen retten, und sie werden ihnen nicht zum Fraß werden. 11 Denn so spricht Gott, der HERR: Seht, ich selbst, ich werde nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern.

Das gemeine Kirchenvolk ist nicht besser. Es könnte eingreifen, schaut aber weg oder sieht zu oder schlägt sogar in dieselbe Kerbe. Die Besten haben sich, wie in der Politik, auch hier längst verabschiedet. Meine Kirche schafft sich ab. Sie ist in ihrem verkalkten System gefangen, das nicht von Religion, sondern von profanen patriarchalen Machtansprüchen geprägt ist. Das Kerngeschäft ist längst verödet. Die Beichte wird in den Randgemeinden wie in unserer kaum noch ange­boten und die Feier der Liturgie kommt mir jedenfalls immer aufgesetz­ter vor. Die Orgel übertönt die Stimmchen der kleinen Schar von Gläubigen, der Liederkitsch von Maria Luise Thurmair (1912-2005) beherrscht immer noch die Liedertafel, die Pre­digt erweist sich immer häufiger als aus dem Netz geholt und Frauen werden wei­terhin nur zu niederen Diensten gebraucht. Frau Meyer darf die Lesung vortra­gen, das Evangelium schon nicht mehr, das ist dem Priester vorbe­halten, der das Privi­leg viel­leicht gerne abgeben würde. Aber er darf nicht. Uns selbst wenn: Was nützte uns eine Frau, die predigen oder, denken wir uns das ein­mal aus, sogar Priesterin sein darf, wenn sie dann doch nicht für eine Moderne steht, in der das Individuum an erster Stelle steht, sondern nur dazu ver­hilft, die Lebensdauer des alten Systems zu verlängern? Nichts.

Herr Pastor wird im Himmel unter den Märtyrern weilen, denn auf Erden leidet er an seiner Kirche. Er flüchtet nach der Messe an den plaudernden Gläubigen vor­bei ins Auto, der Klerus flüchtet vor der Begegnung mit den Men­schen in Or­gani­sationsmodelle, ehrerbietig bis untertänigst assistiert von Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand. Es sind pseudodemokratische Mitbestim­mungsgremien, sie ha­ben nichts zu melden. Der Geist weht, wo er will, jedenfalls weht er in der Katholi­schen Kirche lau. Die Hirten kreisen um sich selbst und wol­len es mit den Mächti­gen der Welt nicht verderben. Sie werden, genau wie die Leh­rer, Polizisten und Ärzte, getrieben von den Bürokraten, diesem Krebsgeschwür des modernen Patri­archats. Für die katholischen Ver­bände wie Kolping oder meine KAB interessieren sie sich nicht die Bohne, die gibt es ohnehin bald nicht mehr. Aber es erhebt sich keiner aus dem Morast und zeigt menschliche Größe. Erlebte ich je in meiner Ge­meinde und im „Kleinen Vatikan“ einen Akt christlicher Nächstenliebe, So­lida­rität oder Feindesliebe?! Wer in diesem Umfeld fragte mich je nach meinem Befin­den, meinem Glauben und meiner Meinung? Wer lobte mich je für meinen ehren­amtli­chen Ein­satz? Pastor Müller, der Bischof gar? Nie! Hubert, Bernhard, Renate, Ma­ria, Franz-Josef und Hilde, Euch ein herzliches Dankeschön dafür. Das war’s denn aber auch schon. Wie der Herr, so’s Gescherr. Erheben sich gegen eine museale und verkalkte Kirche unsere Alten, die sich von niemandem mehr etwas zu sa­gen lassen brauchen? Mitnichten. Kämpft die katholi­sche Ju­gend für zeitgemäße christ­liche Ideale und Verkehrsfor­men und ist sie be­reit, dafür einen Teil des Leidens Jesu auf sich zu nehmen? Ich sehe diese Jugend nicht, ich sehe überhaupt keine Ju­gend, die in der bremischen Öffentlichkeit „christlich“ oder „katholisch“ auftritt. Mit Events wie das Jugend­treffen in Madrid im August 2011, wo Mil­lionen katholi­scher Jugendlicher aus aller Welt zusam­menkamen, ist es nicht getan. Der Alltag zählt. Politik ist harte Arbeit, Bohren von dicken Brettern. Bremens katholische und christliche Eltern, Intel­lektuelle und das Bildungsbürger­tum nahmen die Schließung der „Buch­handlung am Schnoor“ wider­spruchslos hin. Sie verzichteten nach deutscher Art darauf, sich gegen die kirchli­chen Autoritäten zu erheben und unter Berufung auf christliche Ethik gegen die aktuelle Geldwechslermentalität in der Verwaltung der Kirchengüter vorzugehen. Dabei hieß des Motto des ökumeni­schen 1. Mai-Gottesdienstes 2010 in St. Johann „Wir gehen vor!“. Außer mir fragt niemand danach, wozu die Kirchensteuern ver­wendet werden. (Natürlich be­komme ich über eine grobe Über­sicht hinaus keine Auskunft: „Herr Mündelein, hier will einer wissen, wo seine Kir­chensteuern blei­ben!“ Herr Mündelein zu mir: „Wozu wollen Sie das wissen?! Das kennen wir hier nicht und das dürfen wir auch nicht.“) Die Sozialenzykliken unse­rer Päpste be­zeichnen die Gier nach Geld und Macht als Todsünde. Unsere Ka­tholische Kirche in Bremen, ferngesteuert aus Os­nabrück, ging mit den Mitarbeite­rinnen und Mitar­beitern der „Buch­handlung am Schnoor“ nach Gutsherrenart um. Geld und Macht der Kirche triumphierten über schwache Menschen, anstatt dass die Kirche sich vor sie gestellt hätte. Das sah je­der, der es sehen wollte. Allein, sie schauten alle weg. Die ein­zigen selbstbewussten Mitstreiter an meiner Seite gegen diese „verrotteten Chris­ten“ (Hein­rich Heine) wa­ren, nimmt man die Mitarbeiterin­nen und Mitarbeiter aus, die sich heftig gegen ihre Umsetzung bzw. Entlassung wehrten, die schon erwähnte kluge und treue Maria, ein Dutzend Lehrkräfte der St. Jo­hann-Schule und der Prä­sident der bremischen Bür­gerschaft, Christian We­ber, der einen Brief an den Bi­schof schrieb.

Möge Ninive dieser wenigen Aufrechten wegen gerettet werden.

„Ecclesia militans“, „Ein Kirche im Kampf für die Nächstenliebe“? Das war ein­mal, trotz aller Machtpolitik und Todsünden. In Bremen jedenfalls kämpfen nur noch wenige Menschen für unsere Bot­schaft der christlichen Nächs­tenliebe. Ich bin vielleicht hochmütig, wenn ich mich dazurechne. Ich gehe noch weiter und be­haupte, dass ich umzingelt bin von organisierter Dummheit und asozialem Verhal­ten. Da sind zum einen die bildungsfernen, kulturlosen und geistfeindlichen Men­schen, die keine Tradition kennen und denen die Zukunft egal ist. Ihre Zahl steigt von Tag zu Tag. Politik und Kirche hofieren diese Menschen und stellen sie als Opfer der Verhältnisse dar, zum einen der Verhältnisse in ihrer Heimat, aus der sie kommen, und zum anderen der Verhältnisse bei uns, die wir fremdenfeindlich und asozial seien, vielleicht sogar faschistisch, wenn wir dieser Politik nicht folgen. Sie nehmen ihnen jede Verantwortung für ihr Leben und instrumentalisieren sie. Die Bürger lehnen sich dagegen ebenso wenig auf wie weiland ihre Vorfahren 1914, die immerhin noch ein Klassenbewusstsein hatte, das 1933-1945 ebenfalls vernichtet wurde. Uns regiert der globale Kapitalismus. Aus dem Proletarier wurde der Kon­sument. Geist und Nächstenliebe haben sich auch aus der Kirche verabschiedet. Persönlichkeit ist selten, Don Camillo war einmal. Den dort Beschäftigten ist kein besonderer Auftrag mehr anzumerken. Die Diskussion darüber, ob wir uns in einer Zeit der Transformation, in einem Niedergang oder in einem Untergang befinden, führen sie gerne und sie bleiben stets gelassen, abgeklärt und nachdenklich. Sie ha­ben ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht. Religion ist ihnen egal. Wer aber ihren Besitzstand gefährdet, den können sie nicht leiden und den bekämpfen sie mit Nichtachtung.

Zum Sonntag, 4. September 2011, hatte der Bischof die Ehrenamtlichen seines Bistums nach Osnabrück zum „Tag des Ehrenamts“ eingeladen. Ich folgte der Einladung gerne. Maria, meine Stellvertreterin in der KAB, und ich verteilten Give aways der KAB und Postkarten mit Werbung für mehr Arbeitszeitverkürzung, er­stellt von der Arbeitszeitinitiative Bremen. Uns gegenüber hatte die Redaktion des „Kirchenboten“ ihr Zelt aufgebaut. Ein Wink des Himmels! Ich nutzte die Gele­genheit, ging zum Stand des „Kirchenboten“ und stieß auf den stellvertretenden Chefredakteur. Ich fragte ihn, ob sein Blatt wohl bereit sei, einen ziemlich kontro­versen Artikel wie den vorliegenden zu drucken. Er bot mir an, ihm den Artikel zu senden. Er werde sich ihn anschauen und sich dann Mitte der Woche bei mir mel­den. Ich sandte ihm den Artikel. Am 15. September schließlich rief ich ihn an und fragte, was wohl aus der Sache geworden sei. Er ließ er sich immerhin entlocken, dass der „Kirchenbote“ meinen Text gewisslich nicht drucken werde, aber man werde ihn zum Anlass für einen Artikel nehmen. Ich sagte ihm, dass ich auf diese Variante sehr gespannt sei.

Das war am 4. September. Der „Kirchenbote“ hat dazu nichts veröffentlicht. Er wird es auch nicht tun. Im Gegenteil wird man mir und meinen wenigen Getreuen noch mehr Steine in den Weg legen und nicht rasten und ruhen, bis wir aufgeben. Die Anzeichen dafür sind deutlich genug: In diesen Tagen erschien der neue Einsatzplan für den Dienst der Ministrantinnen und Ministranten an St. Josef, wo ich seit einigen Jahren mittue. Diesmal suchte ich meinen Namen vergeblich. Ei­nige Male fragte ich per Telefon bzw. AB und dann per Mail nach, ob ich meinen Einsatztermin überlesen oder ob man mich ausgemustert hätte. Tags drauf erhielt ich eine Mail mit dem Hinweis, xy habe mit mir „getauscht“, ich sei nun am 1. Advent dran.

Wie lange noch werden wir Katholiken Bremen Fronleichnam in ansehnlicher Zahl öffentlich feiern, im Dom bei Regen oder, wie 2011, im Bürgerpark im Sonnen­schein?

Wie in der Gesellschaft um uns herum stirbt auch in unserer Kirche der Geist. Der Glaube wird mehr gepredigt als gelebt und die Nächstenliebe spielt kaum noch eine Rolle, die Feindesliebe gar keine.

Eine Umkehr könnte den Niedergang aufhalten. Allein, nichts deutet darauf hin.




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