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Imanuel Geiss ist verstorben. Mein ganz persönlicher Nachruf
22.02.2012


Imanuel Geiss ( *9.2.1931 in Frankfurt am Main; † 20. Februar 2012 in Bremen) war ein großartiger Historiker: fleißig, kenntnisreich bis hin in letzte Details und voller eigener Gedanken, Ideen und Theorien über die Geschichte dieser Welt. Er war Assistent von Fritz Fischer (1908-1999) gewesen, dessen 1961 erschienenes Buch „Griff nach der Weltmacht – Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914–1918“ Millionen Deutsche und die versammelte deutsche Historikerzunft erzürnte. Daraus entstand eine der wichtigsten historiografischen Debatten der westdeutschen Nachkriegszeit. Der Anteil von Imanuel Geiss an Fischers Thesen dürfte wesentlich größer sein, als es selbst der Fachwelt bewusst ist.

Geiss arbeitete ungemein sorgfältig. Gleichzeitig verfügte er über die besondere Fähigkeit, Welten miteinander zu verbinden, deren Zusammenhang bis dahin kaum jemand bemerkt hatte. Er war ein Mann der Feder, der fundiert, streitbar und witzig schrieb. Er hatte das große Glück, in einer Zeit lehren und wirken zu können, in der die Kenntnis der Geschichte im Volk weit verbreitet und der Streit darüber üblich waren. Die beiden Fragen, wie es zum Ersten Weltkrieg kam und wer dafür verantwortlich war, bewegte über Jahrzehnte die Gemüter. Das ist anders geworden. Zur Kenntnis zu nehmen, dass es den Zweiten Weltkrieg, Hitler und das Dritte Reich gegeben hat, daran kommt heute angesichts der vielen Filme über die Epoche kaum jemand vorbei, aber ein Großteil unserer Jugend gerät bei der Frage, wieso der Zweite Weltkrieg so heißt und ob es einen ersten gegeben hat, ins Grübeln.

Imanuel Geiss war so universal gebildet und so rundherum am Zustand der Welt und an ihrer Geschichte interessiert, wie das noch bis Anfang der 1970er Jahre in Deutschland ein selbstverständliches Ziel von Bildung war, klassen- und schichtenübergreifend, erstrebt von Alt und Jung. Bildung und Kultur waren Subwelten des Lebens, öffentlich wie privat. So geriet bis Anfang der 1960er Jahre die Aufführung eines Theaterstückes des „Kommunisten“ Bert Brecht (1898-1956) regelmäßig zum Skandal; der Film „Das Schweigen“ von Ingmar Bergmann (1918-2007) 1963 bekam von der deutschen katholischen Filmzensur das Prädikat „2 EE“, d.h. „nur für Erwachsene, vom Besuch wird abgeraten“; Schillers „Räuber“, inszeniert in Bremen 1966 von Peter Zadek (1926-2009), machte derart Furore, dass für Schüler extra Nachtvorstellungen angesetzt wurden.

Ich war damals Schüler. Bildung und Kultur waren für uns von Wert, aber in manchen und durchaus wesentlichen Bereichen waren wir doch ziemlich dumm: sexuell und politisch. Jungs gingen mit 16 und Mädchen mit 15 in die Tanzstunde und sonntags war man im Überseemuseum. Die meisten Abiturientinnen und Abiturienten waren bis zur Reifeprüfung über ein Händchenhalten nicht hinausgekommen. Sie waren brav. Auf Partys, die gemeinhin um Mitternacht endeten, weil man die Partnerin sonst zu Fuß nach Hause begleiten musste, gab es Bowle, von den Eltern bereit gestellt, und Cola mit Rum oder Sinalco mit Eierlikör. Das neue Lebensgefühl der Nachkriegszeit war geprägt vom Jazz und von Elvis. Das war unsere Welt, damit konnten die Eltern und Lehrer nichts anfangen. Der politische Raum war voll von Mief. Unangenehmes wurde verdrängt. Ein Bremer Lehrer, der 1965 an eine Hauswand gepinselt hatte: „Die Bremer Justiz ist korrupt!“, wurde stillschweigend in den Ruhestand versetzt. Zwischen den Schülern von Hauptschule, Realschule und Gymnasium klafften Welten. Es war eine Klassengesellschaft. Wir Gymnasiasten hatten Zeit. Wir stritten über die Frage, ob es Gott gibt, was der Sinn des Lebens sein könnte, ob man „Liebe“ definieren könne und ob die Atombombe so eingesetzt werden würde wie bisher alle Erfindungen im Verlauf der Geschichte. Entsprechend fanden wir es aufregend, als 1965 einer unserer Mitschüler an die Tafel geschrieben hatte: „Alle Lehrer müssten kastriert werden, damit sie nicht mehr schreien, sondern nur noch piepsen können!“ Ein Untersuchungsausschuss des Lehrerkollegiums fand den Täter nicht. Unser Deutschlehrer Heinz Ide (1912-1973) war 1959 von seiner Schule zu unserer versetzt worden, weil er dort ein Theaterstück von Brecht mit Schülern aufgeführt hatte. Er brachte uns dazu, freiwillig Gedichte von Heinrich Heine (1797-1856) und Hans Magnus Enzensberger (*1929) auswendig zu lernen und auf Partys zu rezitieren. Er legte sich in der Schulzeitung „Hermes“ mit dem damaligen Bundestagsabgeordneten der CDU, Ernst Müller-Hermann (1915-1994), wegen dessen Einsatz in Nordafrika während des Zweiten Weltkrieges an. Zusammen mit dem damaligen Domprediger Günter Abramzik (1926-1992) machte er uns mit der literarischen Welt eines Hans Mayer (1907-2001) und Marcel Reich-Ranicki (*1920) und der Philosophie von Ernst Bloch (1885-1977) vertraut und brachte alle drei zu Vorträgen nach Bremen, die unser Weltbild und die politische Ausrichtung der Stadt veränderten.

In dieser Welt der Jugend war auch Imanuel Geiss zu Hause. Er rebellierte gegen den Mief und das, was wir „das Establishment“ nannten. Er war höchst einverstanden mit den Ereignissen, die 1967 ff. die geistige Welt veränderten: Studenten und Schülerunruhen in der westlichen Welt, in Europa und in Deutschland. Darüber ist viel geschrieben worden. Mittlerweile stehen wir vor einem ziemlichen Scherbenhaufen, sexuell wie politisch. Es gab Reformen ohne Ende: in der Technik, im Geschäftsleben und in der Politik und das nirgendwo mehr als in dem Bereich, der am nachhaltigsten in einer Gesellschaft wirkt, in der Bildung.

Auf den Punkt gebracht: Es gab Fortschritt ohne Ende und Atemholen. Nie war das deutsche Volk pazifistischer, antirassistischer und antifaschistischer als heute. Aber unsere gutbürgerliche Welt der 1960er Jahre ist nicht nur im Bereich des Miefigen untergegangen, sondern auch in ihren positiven Seiten: Idealen, Tugenden und Ideen bis hin zu ihren Ritualen. Sie ist inzwischen so Geschichte geworden wie der Aufstand von 1967ff. den die Jugend gegen die Alten probte. Heute übernehmen die wenigen Frauen und Männer die Macht im Staat, die sich ihren Machtinstinkt bewahrt haben. Sie legitimieren ihren Machtanspruch dadurch, dass sie sich zu Vertreterinnen und Vertretern der Menschen und Gruppen erklären, deren Vorfahren von den Nazis verfolgt, vertrieben, malträtiert und ermordet wurden: Juden, Sinti und Roma, Fremde überhaupt, Schwarze, Farbige; Linke, Kommunisten, Behinderte, Schwule und Lesben; Frauen im allgemeinen, alleinerziehende Mütter im besonderen. Das ist als Gegenbewegung gegen die Politik des Faschismus notwendig und verständlich, aber auch hier sollten wir nicht nach deutscher Art übertreiben. Wir neigen dazu und erhöhen damit die Gefahr, dass das Pendel demnächst wieder in die andere Richtung schlägt.

Hat Bremen, hat Deutschland, hat Europa heute weniger Geist als in der Nachkriegszeit bis Anfang der 1970er Jahre, als die Zeit der „Reformen“ begann? Es sieht so aus. Der Geist ist weiterwandert in die USA und das schon seit 1900. Anders sind Ersten und Zweiter Weltkrieg und der Holocaust nicht erklärbar. Seit dem Koreakrieg wich er auch von dort aus und beginnt, sich in Asien auszubreiten: in Fernost: in Japan, Korea, Vietnam und China, und in den arabischen Ländern. Englisch, Chinesisch und Arabisch zu lernen ist für Jugendliche unabdingbare Voraussetzung, in dieser Welt bestehen zu können, und nicht zufällig mehr en vogue als Französisch oder Latein, was für uns damals noch selbstverständlich war. Nach dem Untergang Europas und im Zeichen des Niedergangs der USA sind die Länder Asiens und besonders China die künftigen Weltmächte.

Imanuel Geiss hat sich mit diesen Entwicklungen beschäftigt, in Büchern und Aufsätzen. Er war auch als Emeritus noch lange tätig. Zu seinen Vorlesungen über die Universalgeschichte und zu speziellen Themen kam bis zum Schluss ein Stamm von Senioren, in deren Herzen und Köpfe er sich eingegraben hat. Er war nicht nur in der Sache firm, sondern auch methodisch einfallsreich. Unvergesslich ist seine Sammlung von Etiketten auf Weinflaschen aus aller Welt, die er gesammelt hatte, weil sie Bilder aus der Geschichte zeigten, die zu deuten ihm und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern große Freude machte.

Publizistisch gesehen, ist Imanuel Geiss seit einer Generation out. Er begriff das, konnte sich damit aber nur schwer abfinden. Als Intellektueller war er stets auf der Höhe der Zeit, als Mann wollte er sich damit nicht abfinden. Allein, schon einen Leserbrief in der FAZ unterzubringen, gelang ihm immer weniger. Ich bin optimistisch. Wenn es so etwas gibt wie Dialektik, dann wird es nicht dabei bleiben, dass zu unserer „Welt von Gestern“, wie das Stefan Zweig (1881-1942) über die seine sagte, nur die Antithese unserem Zeitgeist von damals den aktuellen bestimmt, sondern es wird zu einer Synthese beider Strömungen kommen. Das bürgerliche Tanzen wird dann wiederkommen, in welch gewandelter Form auch immer; der Theaterbesuch; die Selbstverständlichkeit, ein Buch zu lesen, Tagebuch und Gedichte zu schreiben und ein Instrument zu spielen; Sport im Verein und der Einfluss von Schulen und Hochschulen auf den Geist der Stadt. Ja, und eben auch das Interesse an Geschichte. Womöglich wird sogar dieses oder jenes Büchlein von Imanuel Geiss wieder aufgelegt werden. Es sollte mich freuen, der Sache wegen, aber auch seinetwegen.

Ich habe Imanuel Geiss viel zu verdanken. Das kam so: Mitte der 1970er Jahre versammelte der Bremer Hochschullehrer Wilhelm Alff (1918-1992) einen Kreis von Doktoranden um sich herum: 50 junge Männer, organisatorisch geleitetet von – dem heutigen Bremer Verleger – Helmut Donat als Projektsekretär. Das Spektrum der The­men und Fragen, denen nachzugehen Alff für lohnenswert hielt, war breit ge­fächert: „Der Kampf des deutschen Libe­ralismus gegen Bis­marck“, „Wie Frank­furt preußisch wurde“, „Propa­ganda im Ersten Welt­krieg für die Ge­bildeten“ versus „Propaganda für das Volk“; „Deutsche Kon­zentrati­onslager in Belgien wäh­rend des Ers­ten Weltkrie­ges“ oder „Die Rolle der Sozi­al­demo­kratie in der Juli­krise von 1914“. Nur zwei Disserta­tionen kamen während des Projektes zu­stande. Alff regte 1975 auch mich an, eine Dissertation zu schreiben. Ihr Thema war zunächst sehr um­fassend: „Die deut­schen Emi­gran­ten in der Schweiz während des Ersten Weltkrieges“. Imanuel Geiss war auf vielen Treffen dabei. 1981 war er so freund­lich, die Rolle seines Kolle­gen Alff, mit dem ich mich überworfen hatte, als Be­treuer meiner Arbeit zu über­nehmen. Er empfahl, das Vor­haben ein­zugrenzen und vor­rangig das Leben und Wirken Blochs in der Schweiz während des Ers­ten Weltkrieges und sein da­mali­ges Umfeld zu be­leuchten. Dazu gehörte auch der Dadaist Hugo Ball (1886-1927).

Das tat ich, aber ich kam nicht voran. Ich saß an der Dissertation über 20 Jahre. Sie wäre noch heute genauso unvollendet geblieben wie die 47 anderen Dissertationen, zu denen Alff uns, seine Jünger, angeregt hatte. Imanuel Geiss packte mich 1996 am Portepee und drängte mich, in seinem Oberseminar aus meiner Arbeit vorzutragen. Ich lehnte das vehement ab mit dem Hinweis, diesen Käse, den ich geschrieben hätte, verstünde kein Mensch. Geiss drohte mir die Freundschaft zu kündigen, wenn ich nicht erschiene: „Nächsten Dienstag, Herr Korol, Raum A 1213!“ Ich ging hin, trug vor und wunderte mich, dass es keinen Aufstand gab, sondern sogar interessierte Nachfragen. So gestärkt, brachte ich innerhalb eines Jahres das Werk zu Ende. Gottlob. Das Vorwort, das Imanuel Geiss dazu schrieb, ist noch genauso frisch wie damals.

Ich war gerne mit Imanuel Geiss zusammen, mit ihm allein ebenso wie mit seiner Frau und mit meiner Frau dabei. Er war immer anregend!

Requiescat in pace.




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