Artikel bis Februar 2013
24.02.2017

Meine erste Homepage ging am 21.02.2011 online. Ich schaltete sie am 24.02.2013 ab. Der Grund:...

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Bericht des Untersuchungsausschusses Krankenhaus Neubau Bremen Mitte
23.04.2015

Der Landtag der bremischen Bürgerschaft behandelte in seiner 80. Sitzung am 22.04.2015 den...

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Ich wurde am 4. Dezember 1944 in Guben/Niederlausitz geboren und katholisch getauft.
Als ich sechs Wochen alt war, floh meine Mutter zusammen mit ihrer Schwiegermutter und ihrer Schwägerin vor der Roten Armee nach Westen, im Kinderwagen meine ältere Schwester und mich.
Meine Heimat Guben sah ich mit Bewusstsein erstmalig vor drei Jahren.
Mein Großvater Karl Korol (1888-1943) war im Ersten Weltkrieg Soldat. Seine Frau Magdalena (1889-1976) erzählte uns Kindern, er sei Pazifist gewesen. Er habe im Krieg nur „in die Luft geschossen“. Ihm selbst wurde ein Bein abgeschossen. In der Weimarer Republik war er im Gubener Bauamt tätig. Ihn hätten die Nationalsozialisten 1933, so erzählte die Großmutter Korol, aus dem Dienst entfernt, weil er bekennender Katholik und Mitglied der (katholischen) Zentrumspartei gewesen sei.
Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg als Soldat bei der Luftwaffe eingesetzt – als Funker in einer Messerschmidt ME 110. Er brachte es bis zum Leutnant, wurde dann aber zum Feldwebel degradiert. Darüber sprach er nie. Meine Mutter erzählte auf Nachfrage, er habe irgendwann genau wie sein Vater in die Luft geschossen.
Magdalena Korol gründete 1945 zusammen mit Jakob Kaiser (1888-1961) und Ernst Lemmer (1898-1970) in Berlin und in der Sowjetischen Besatzungs-Zone (SBZ) die Ost-CDU. Sie kam aus einer traditionell katholischen Familie, die sich auch in die Politik einmischte. Ihr Schwager, Paul Fleischer (1874-1960), arbeitete 1901-1919 als Verbandssekretär im Verband der katholischen Arbeitervereine, 1907-1924 war er MdR bzw. Mitglied der Nationalversammlung für die Zentrumspartei.

Mein Weltbild ist stark geprägt von meiner Umwelt in Kindheit und Jugend. Heute fühle ich mich den Ideen der Antike, des Christentums und der Aufklärung verpflichtet – dem fragenden Sokrates (469-399 v. Chr.), Jesu Botschaft von der Nächstenliebe und Immanuel Kant (1724-1804).
Meine Leitfiguren der Moderne sind Karl Marx (1818-1883), Sigmund Freud (1856-1939) und Albert Einstein (1879-1955).

Ich hätte gerne eine Politik, in der ernsthaft in der Sache und heiter im Umgang miteinander gerungen und gestritten wird. Wir brauchen eine funktionierende Verwaltung. Wir hatten schon mehr an attraktiver Ausbildung, an Bildung und Kultur; an Gerechtigkeit, Basisdemokratie und Innerer Sicherheit. Das Wohl der Familien und der Älteren liegt mir naturgemäß besonders am Herzen.

Die Globalisierung dieser Welt unter der Herrschaft des Kapitalismus ist offenbar nicht aufzuhalten. Zu deren negativen Folgen gehören die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, die Zerstörung der Natur, der Verfall von Werten und von Bildung und ein nachlassendes Rechtsbewusstsein ebenso wie die zunehmende Vermüllung unserer Umgebung. Kaum jemand prophezeite das so genau und bildhaft wie Karl Marx im „Kommunistischen Manifest“ von 1848. Dort heißt es:
Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen, und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose‚ bare Zahlung.
Diese negativen Prozesse sind zu verlangsamen und zu verhindern, wo es nur möglich ist. Das ist die Aufgabe der Menschen, die uns regieren und verwalten, das ist in einer Demokratie unser aller Aufgabe. Auch meine.

Als ich jung war, war ich für jede Reform zu haben. Ich lief fast jedem Rattenfänger hinterher, wenn nur andere aus meinem Bekanntenkreis mitliefen. Je älter ich werde, desto kritischer stehe ich sog. „Reformen“ gegenüber. Ich habe zu viele davon erlebt und weiß um deren Dialektik. Die Kollateralschäden sind in der Regel dauerhafter als kurzfristige Gewinne und das umso mehr, je forcierter die jeweilige Reform durchgezogen wurde. Die wenigsten Reformen kamen bottom up. Die meisten wurden oktroyiert und mit sanfter Gewalt oder sogar gegen alle Widerstände durchgedrückt. Früher oder später wurde klar: Es waren keine Reformen, sondern nutzlose oder gar schädliche Spielwiesen von Politikern zu deren eigenen Nutzen und Frommen und dem ihrer Klientel, sachlich unbegründet, aber ideologisch gerechtfertigt. Allesamt kamen sie uns teuer zu stehen. Man nehme nur die endlosen Reformen, die sich das kleine Bremen seit 1974 allein im Bereich von Schule erlaubte: Orientierungsstufe/Förderstufe, Gesamtschule, Schließung von Gymnasien, Abriss von Schulgebäuden, Stufenschule, das Kurssystem der Oberstufen, Ganztagsschule, Abschaffung der Noten, Entmachtung der Schulgremien, Inklusion und Abitur nach Klasse 12 (G8) und das alles so „flächendeckend“ wie zeitlich überlappend. Es waren organisatorische Reformen, keine des Geistes, durchweg auch noch handwerklich schlecht gemacht. Schule sollte sozialer werden. Aber weder wurde sie sozialer noch stieg die Bildung. Im Gegenteil. Die schwersten Schäden solcher „Reformen“ werden erst in der nächsten Generation deutlich.

Aus dieser Erkenntnis zog ich meine Konsequenzen. Anstatt modischen Trends nachzujagen, gehe ich lieber auf Menschen zu und frage sie nach ihren Nöten und Sorgen. Unverdrossen propagiere ich weiterhin bei jeder passenden Gelegenheit die Ideale von 1776 und 1789 ebenso wie die Werte der Verfassung der Freien Hansestadt Bremen von 1947 und die unseres Grundgesetzes von 1949. Ich versuche, nie wütend zu werden, obwohl ich es bin; und trainiere die Bosheiten und Fehlleistungen meiner Gegner wegzulächeln. Die unvermeidlichen Niederlagen ertrage ich von Mal zu Mal gelassener.

Unser Gemeinwesen gestalte ich an vielen Stellen mit. Das beginnt in Begegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern unterschiedlichster Art auf dem Weg in die Stadt und zurück mit dem Rad oder mit dem Bus. Was mir da alles so widerfährt, das würde ich gerne abends ins Tagebuch schreiben. Aber dann bin ich erschöpft vom Rennen und Laufen. Im Allgemeinen sind es erfüllte Tage.

Die Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland war geprägt vom Geist der Restauration. Die Zeit des III. Reiches wurde eher als Betriebsunfall gesehen und ziemlich verdrängt: in der Wirtschaft am meisten, aber auch in der Politik, in Kultur, Bildung und Wissenschaft, in der Erziehung, in den Schulen und Hochschulen, in den Verbänden, Vereinen und Kirchen. „Die Unfähigkeit zu trauern“
nannten Alexander und Margarete Mitscherlich das in einem Essaybändchen 1967. Ein Bremer Lehrer, der 1965 an eine Hauswand gepinselt hatte: „Die Bremer Justiz ist korrupt!“, wurde stillschweigend in den Ruhestand versetzt. Die Bildungsziele von Sonderschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium und Berufsschule waren ziemlich dieselben wie vor der Nazizeit. Das Gymnasium war das Maß aller Dinge. Was die Schultypen unterschied, waren der jeweilige Anteil an formaler Bildung und Erziehung, die Aufteilung von Praxisbezug und Theorie und die Methodik. Zwischen den Schülern dieser Anstalten klafften Welten. Es war eine Klassengesellschaft. „Bildung, Besitz und Theater“ nannte das der Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907-2001). Das war in allen westdeutschen Bundesländern der Fall. Unter denen war Bremen, das lässt sich mit Fug und Recht sagen, wie schon in der Weimarer Republik in den Bereichen Kultur und Bildung und da vor allem in Schulreformen führend.

Ende der 50er Jahre entstand ein neues Lebensgefühl. Das Heimatgefühl unserer Eltern, eine Mischung aus Bindung und Kitsch, wurde überlagert von Entdeckungen in Europa und den USA, die wir Jugendlichen machten. Der englische, französische, italienische und amerikanische Film, der französische Existentialismus, Jazz und Elvis standen im Mittelpunkt unserer jugendlichen Welt. Damit konnten unsere Eltern und Lehrer nur wenig anfangen. Die meisten von ihnen pochten uns gegenüber immer vorsichtiger auf Einhaltung der Autorität, der blind zu gehorchen die Nazis sie erzogen hatten. Sie waren im besten Sine Liberale.

Wir Gymnasiasten hatten Zeit. Wir stritten über die Frage, ob es Gott gibt, was der Sinn des Lebens sein könnte und ob man „Liebe“ definieren könne. Wir fanden es aufregend, als 1965 einer unserer Mitschüler an die Tafel schrieb: „Kastriert die Lehrer, damit sie nicht mehr schreien, sondern nur noch piepsen können!“ Mein Deutsch- und Geschichtslehrer am Alten Gymnasium in Bremen von Klasse 7 bis Klasse 11 war Heinz Ide (1912-1973). Er war 1959 vom (Bremer) Hermann-Böse-Gymnasium zum unserer Schule versetzt worden, weil er dort mit Schülern ein Theaterstück von Bert Brecht aufgeführt hatte. Noch war Kalter Krieg. Brecht galt als Kommunist, er lebte in Ost-Berlin. Das war pfui. (Wenige Jahre später war derselbe Brecht auch in West-Deutschland der meistgespielte Theater-Autor). Mein Verhältnis und das der meisten meiner Mitschüler (wir waren nur Jungs) zu Heinz Ide war merkwürdig: Wir hatten Angst vor ihm, hassten ihn sogar, aber wir verehrten ihn auch. Er brachte uns dazu, freiwillig Gedichte von Heinrich Heine (1797-1856) und Hans Magnus Enzensberger (*1929) auswendig zu lernen und auf Partys zu rezitieren. Er legte sich in der Schulzeitung „Hermes“ mit dem damaligen Bundestagsabgeordneten der CDU, Ernst Müller-Hermann (1915-1994), wegen dessen Einsatz in Nordafrika während des Zweiten Weltkrieges an. Das beeindruckte uns ungeheuer. Zusammen mit dem damaligen Domprediger Günter Abramzik (1926-1992) machte er uns mit der Welt von Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) und Ernst Bloch (1885-1977) vertraut. Alle drei holte er zu Vorträgen nach Bremen, zu denen „man“ hinging und worüber breit debattiert wurde.

Die Amerikaner hatten 1945 in ihrer Exklave Bremen die sog. „Schülermitgestaltung“ oder „Schülermitverantwortung“ eingeführt. Dort und in der Bremer Schülerpresse – jede Schule, die etwas auf sich hielt, hatte eine Schul- oder Schülerzeitung – war ich ab 1963 tätig. „Hans Dampf in allen Gassen“, sagte meine Mutter dazu. Ja, ich wollte dazugehören!

Radio Bremen hatte einen Jugendfunk. Der verantwortliche Redakteur Diethard Schumann installierte eine „Jugendpressekonferenz“. Sie fand einmal im Monat statt. Die Sendung dauerte 30 Minuten – Diethard Schumann, eine Handvoll Jugendredakteure und der Gast. Ich war dabei. Die erste Sendung war live. Thema: „Das deutsch-französische Jugend-Abkommen. Ich wagte es, den Bonner Staatssekretär im Bundesfamilienministerium aus Bremen, Heinrich Barth, zu fragen, warum der Beirat des Deutsch-Französischen Jugendwerks nur aus Mitgliedern der CDU/CSU bestehe. Aufruhr im Studio. Die Sendung wurde durch eine Musikeinlage unterbrochen. Dann ging es zahm weiter. Die folgenden Sendungen waren nicht mehr live. Einer der nächsten Gäste war übrigens der damals jüngste Innenminister Deutschlands, der Bremer Innensenator Hans Koschnik. Wir befragten auch seinen SPD-Parteigenossen, Hermann Hansing, MdB. Unsere Fragen an Hansing mussten wir vierzehn Tage vor der Sendung im Parteibüro „Am Geeren“ zur Einsicht um Genehmigung abgeben. Die Hälfte davon wurde gestrichen. Weitere Gäste der Sendereihe waren: der Göttinger Professor Hans Rothe, den 1961 der Senat beauftragt hatte, ein Gutachten über die Gründung einer Universität in Bremen zu verfassen; Herbert Abel vom Bremer Überseemuseum; der Bremer Theaterintendant Kurt Hübner; Thomas Valentin, Dramaturg am Bremer Theater und Verfasser des Romans „Die Unberatenen“, verfilmt 1968 von Peter Zadek unter dem Titel „Ich bin ein Elefant, Madame“; und eben auch Hans Mayer, um nur diese zu nennen. Die „Jugendpressekonferenz war ein, wie man heute sagen würde, ambitioniertes Unternehmen, in Deutschland ohne Beispiel. So wurden wir Bremer Schüler in die Politik eingeführt.

Wir waren aber auch so etwas von naiv. Als ich 1967 Soldat wurde, hielt ich die Bundeswehr und die NATO für ein nur ehrenwertes Unternehmen. 1964 hatte ich zusammen mit meinem Freund Klaus d’Alquen die NATO-Tage Bremen organisiert – mit Waffen-Ausstellung auf der Bürgerweide, Brückenschlag über die Weser und Großem Zapfenstreich im Weser-Stadion. Motto: „Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit“. Ich wurde klüger, als ich 1968 meinen Kompaniechef bei der (3. Panzer-)Division in Buxtehude anzeigte, weil er sich von Soldaten ein Haus hatte bauen lassen. Die Division reagierte auf meine Anzeige damit, dass ich vom Lehrgang im Motorradfahren abberufen und zur Aufsicht auf dem Kasernenhof abkommandiert wurde. „Aufsicht“ hieß, nicht arbeiten zu dürfen. Dieses Untätigsein machte mich krank. Die Zeit bis zu meiner Entlassung aus der Bundeswehr verbrachte ich damit, Verbandkästen für die Kraftfahrzeuge des Sanitätsbataillons auf ihre Vollständigkeit hin zu überprüfen.

1968 trat ich der SPD bei.
1969-1970 studierte ich an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. 68er-Bewegung. Ja, es waren bewegte Zeiten, ich mitten drin als Mitglied im AStA und im Universitätskonvent. Mitternächtliche Besprechungen zum weiteren Vorgehen und Redaktionssitzungen. Dann wechselte ich an die (damalige) Technische Universität in Hannover und war auch da in den Gremien und im „Sozialdemokratischen Hochschulbund“ (SHB) aktiv. Der SHB war jetzt anstelle des SDS die Studentenorganisation der SPD. Der Professor für Politische Wissenschaft Peter von Oertzen (1924-2008), niedersächsischer Kultusminister 1970-1974, war der verehrte Mentor unserer „Sozialistischen Fraktion“ im SHB. Über von Oertzen heißt es in Wikipedia:

Er grenzte sich von Anfang an deutlich von allen real existierenden sozialistischen und kommunistischen Systemen ab und betonte dagegen die Unaufgebbarkeit von Demokratie und der Freiheit jedes Einzelnen. […] Eine seiner Kernaussagen lautete: „Je demokratischer, desto linker.“
Ja, so war es. Seine Position und sein Verhalten beeindruckten mich und prägten meine politische Position.

Das gilt auch für drei weitere Hochschullehrer:

Der bereits erwähnte Literaturwissenschaftler Hans Mayer war neben Marcel Reich-Ranicki der bekannteste deutsche Literaturkritiker. Ich hatte die Ehre und Freude, ihm im Seminar für Deutsche Literatur und Sprache der TUH lauschen und im Seminarrat an seiner Seite sitzen zu dürfen und darüber hinaus ihm als „Hilfsassistent“ dienen zu können. Seine Vorträge und Bemerkungen über Literatur, Musik und Theater, über seine Begegnungen mit Menschen und über seine Zeit als Jude in der Weimarer Republik, im Exil in Frankreich 1933-1945 und als Hochschullehrer in Leipzig bis 1963 und nicht zuletzt seine persönlichen Allüren hinterließen bei Studenten wie mir unauslöschliche Eindrücke. Ich traf ihn ab und an wieder, wenn er zu Vorträgen nach Bremen kam. Noch im hohen Alter extemporierte er druckreif eineinhalb Stunden lang über Geschichte, Literatur, Kultur, Philosophie und Politik. Unvergessen sein letzter Vortrag in der Kirche Unser Lieben Frauen über „G.E. Lessing und Moses Mendelssohn“.

1975 begegnete ich an der Universität Bremen dem Historiker Wilhelm Alff (1918-1992). Sein Interesse galt dem im 19. Jahrhundert zwischen Sozialismus und Nationalismus zerdrückten Liberalismus. Sein Herz schlug für die einsamen Kämpfer zwischen den Lagern. Der deutschen Geschichtsschreibung warf er vor, die Opposition von Adeligen und Bürgern gegen den preußischen Militarismus systematisch vernachlässigt und sich damit im Rahmen einer besonderen deutschen Geschichtsschreibung und Geschichte bewegt zu haben. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war, dass Deutschland drei Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu verantworten hatte: beide Weltkriege und den Holocaust. Diese Position lehrte ich über Jahrzehnte meine Schülerinnen und Schüler im Geschichts- und Politikunterricht.
Alff regte meine Dissertation über „Deutsche im Präexil der Schweiz während des Ersten Weltkrieges“ an.

1981 war Imanuel Geiss (1931-2012) so freundlich, die Rolle seines Kollegen Alff als mein Betreuer zu übernehmen. Er führte mich zum Erfolg. Ich legte die Dissertation 1997 der Universität Bremen unter dem Titel „Der Rückzug des deutschen Geistes aus der Politik zwischen 1916 und 1918“ vor und wurde promoviert.
Auch Geiss war ein großartiger Historiker: Er kannte die Geschichte der Welt wie sonst kaum einer mitsamt den Theorien darüber und war voller anregender eigener Gedanken. Er arbeitete schier ununterbrochen und ungemein sorgfältig. Gleichzeitig verfügte er über die besondere Fähigkeit, Welten und Zahlen, Daten und Fakten auf eine neue Art und Weise miteinander zu verbinden.

Peter von Oertzen, Hans Mayer, Wilhelm Alff und Imanuel Geiss waren so universal gebildet und so rundherum am Zustand der Welt, an ihrer Geschichte und Zukunft interessiert, wie das noch bis Anfang der 1970er Jahre in Deutschland das Ziel bürgerlicher Bildung überhaupt war, klassen- und schichtenübergreifend, erstrebt von Alt und Jung. Sie waren Männer mit Profil, originelle und politische Köpfe, die fundiert, streitbar und witzig vortrugen und schrieben. Sie wurden für mich zu
Vorbildern. Übrigens war keiner von ihnen in seinem Metier unumstritten.
Heute, nicht einmal eine Generation nach ihrem Ableben, sind es Namen, die kaum jemand noch kennt.

Ab 1971 war ich als Lehrer tätig, zuerst nur neben dem Studium, dann ab 1975 bis 2006 in Vollzeit und immer mit Leib und Seele. Ich nahm weiterhin lebhaft Anteil am öffentlichen Leben, äußerte mich dazu aber nur in Artikeln und Leserbriefen.
Politisch aktiv zusammen mit anderen wurde ich erst dann wieder, als es auf meine Pensionierung zuging und ich mich auf ein erfülltes Leben auch in dieser meiner letzten Lebensphase vorbereitete. Ich übernahm, als ich darum gebeten wurde, 2006 im Bremer SPD-Ortsverein „Weidedamm“ das Amt des Vorsitzenden und engagierte mich zudem im Arbeitskreis „Christen in der SPD“ und in der Arbeitsgemeinschaft „SPD 60 +“, in Versammlungen, am Stand im Wahlkampf oder bei Aktionen.
Es nützte alles nichts.

2013 schlossen mich die Fraktion der SPD in der Bremischen Bürgerschaft und die Partei aus ihren Reihen aus. Der Vorwurf: Ich hätte die Volksgruppe der Roma und die Frauen diskriminiert und der Partei geschadet.
Die Vorwürfe waren haltlos, aber wirksam.
Ich will hier darauf weiter gar nicht eingehen. Es lohnt nicht. Nur noch so viel: Gewiss, auch ich habe Vorurteile und pflege sie. Allein, ich mache sie mir nach Möglichkeit bewusst, spreche sie aus und baue sie ab. Ich liebe Begegnungen mit Menschen aller Art. Wenn jemand ein Kosmopolit ist, dann bin ich einer. Weder bin ich „rassistisch“ noch habe ich jemals einen Menschen getroffen, dem die „Rasse“ ein zur Unterscheidung von Menschen wichtiges Kriterium war. Ich weiß auch gar nicht, was „Rasse“ bei Menschen sein soll. Ich finde den Begriff unbrauchbar. Ich kenne nur „Völker aller Zungen“, wie es in einem Kirchenlied heißt. Das geht allen klugen Menschen so. Entsprechend eignet sich das Begriffspaar „rassistisch“/ „antirassistisch“ ideal dafür, Menschen zu diskreditieren – sie können nicht beweisen, dass sie keine „Rassisten“ sind. Nicht anders verhält es sich mit dem Vorwurf der „Frauenfeindlichkeit“. Mit dem Frauen komme ich so gut klar – oder auch nicht, wie mit Männern, Kindern, Einheimischen und Fremden auch, je nach deren Eigenheiten. Darum aber geht es nicht, sondern meine Gegner berufen sich kraft der Medien, über die sie herrschen, darauf, sie verträten die Interessen der Nichteuropäer, der Frauen, der Schwachen, der Unterdrückten, der Kinder und der Alten. Diese Gruppen instrumentalisierten sie für ihre Zwecke und Ziele, deren oberstes die Macht ist.

Für die Partei habe ich mich förmlich aufgeopfert. Wenn einer „links“ ist im Sinne von „antiautoritär“, dann bin ich es. Dass ich ihre Autorität ständig in Frage stellte, das missfiel den Chargen der SPD, das ließ sie wütend werden, das war der Grund ihrer Attacken gegen mich. Alles andere waren Rechtfertigungen und Ausreden. Ihre Vorwürfe gegen mich waren so hergesucht wie seinerzeit die Vorwürfe der Inquisition im Jahr 1600 gegen Anna Lutzin in der Fürstpropstei Ellwangen, sie sei für Missernten und Viehseuchen verantwortlich, sie habe „Schadenszauber“ betrieben. Sie sei eine „Hexe“ und habe eine „Buhlschaft mit dem Teufel“. Als Beweis diente ein Leberfleck. Kein Mensch stellte sich vor sie. Sie wurde hingerichtet.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Inquisition abgeschafft, die Todesstrafe in der BRD 1949 und in der DDR 1987. Gottlob.

Am 25. Oktober 2013 sprach im Plenarsaal der Bremischen Bürgerschaft Norbert Frei zum Thema „1933 – über das Ende der Demokratie vor 80 Jahren.“ Dieser Vortrag erschien mittlerweile als Druck. Christian Weber, der Präsident der Bürgerschaft, verfasste dazu ein Geleitwort. Darin schreibt er:

„Mehr Demokratie wagen!“, lautete das gesellschaftspolitische Leitbild von Willy Brandt. Demokratie wagen! Ja, und zwar gerade dann, wenn wie auch immer geartete autoritäre Mächte das Recht, die Freiheit und die Selbstbestimmung der Menschen zur Disposition zu stellen versuchen.

So denke ich auch.

1945 wurde ich römisch-katholisch getauft. Seit 2005 war ich in der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) aktiv, seit 2008 deren Bezirksvorsitzender für Bremen. Uns lagen die Rechte von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern am Herzen, der Kampf gegen Arbeitslosigkeit und gegen Armut und der Schutz der Sonn- und Feiertage als Tage der Familie. Wir arbeiteten eng mit dem evangelischen „Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“ (KDA) zusammen, mit den Gewerkschaften und mit der Arbeitnehmerkammer.

Meine Heimatkirche ist seit 1959 „St. Bonifatius“ in Bremen-Findorff, die mittlerweile zur Großgemeinde „St. Marien“ gehört. Sie umfasst den gesamten Bremer Westen.

2013 schloss mich die KAB aus ihren Reihen aus und meine Kirche entband mich von meinem Dienst am Altar der Gemeinde St. Josef in Bremen-Oslebshausen. KAB und Kirche beriefen sich zur Begründung auf die (Rufmord-)Kampagne der SPD.

1969 trat ich der Bildungsgewerkschaft „Erziehung und Wissenschaft“ bei. Auch bei deren Häuptlingen bin ich nicht willkommen. Sie betreiben seit einiger Zeit meinen Ausschluss mit dem Hinweis, eine Mitgliedschaft in der Wählervereinigung „Bürger in Wut“ (BIW), der ich seit Oktober 2013 angehöre, sei, genau wie die in der NPD (!) und in der AfD, mit einer Mitgliedschaft in der GEW unvereinbar. Diese Parteien seien samt und sonders „rechtspopulistisch“. Was auch immer das sein soll; es ist jedenfalls etwas Böses.

Seit 2007 bin ich in der „Seniorenvertretung Bremen“ tätig. Das ist seit 1993 die offizielle politische Interessenvertretung von 147.000 Bremerinnen und Bremern 60+. Sie ist parteipolitisch und konfessionell ungebunden und besteht seit 1978. In diesem Seniorenparlament sitzen rund 100 Delegierte aus den Ortsbeiräten, den Wohlfahrtsverbänden und der Deputation für Soziales. Die Kleinarbeit erfolgt in Arbeitskreisen: „Politik“, „Gesundheit“, „Bauen, Wohnen und Verkehr“. Ich leite den Arbeitskreis „Programme und Öffentlichkeit“. Wir repräsentieren die Seniorenvertretung am Stand auf Ausstellungen und sind zuständig für Innovationen. Das liegt mir. Das Mitteilungsblatt der Seniorenvertretung ist der „Durchblick“. Er erscheint monatlich, redigiert vom Pressesprecher der Seniorenvertretung, Gerd Feller, und hat sogar einen Anhang in türkischer Sprache und auf Platt.

Vor einem Jahr mobbte mich die SPD aus Fraktion und Partei weg. WK/BN und Radio Bremen begleiteten diesen Prozess SPD-linientreu. Da wurde ein alter Kapitän, Folker Matthes, als Bürgerrechtler aktiv. Er schlug sich in Leserbriefen und mit Anrufen bei SPD und Medien auf meine Seite. Ob er über dieses oder jenes politisch brisante Thema so denkt wie ich, weiß ich nicht. Darüber sprachen wir nur am Rande. Sein Motiv war ein anderes: Er sah in den Attacken der SPD und der ihnen angeschlossenen Verbände und Medien gegen mich die Meinungsfreiheit gefährdet, zu deren Schutz unsere Väter und Mütter 1947 in Bremen den Artikel 17 in der Bremischen Landesverfassung und 1949 in Bonn den Artikel 5 im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen hatten.

Zudem machte er sich die Mühe und rief bei den Schreibern von Leserbriefen an, die dasselbe Anliegen hatten, und lud sie zu einem Treffen ein, um weitere Schritte und Aktionen zum Schutz und zum Erhalt der Meinungsfreiheit zu beraten.

Daraus entstand die Gruppe „Art. 5 GG“. Sie besteht aus politisch Interessierten aller Couleur, mögen sie parteigebunden oder parteilos sein. Jeder ist willkommen und fühlt sich wohl, sonst käme er nicht. Die Gruppe trifft sich zwei Mal im Monat: einmal nach Art eines „Stammtisches“ in einem Lokal und ein anderes Mal auf der Zuschauertribüne der Bremischen Bürgerschaft zur Mittwochs-Sitzung des Landtages, begrüßt von Präsidium und Abgeordneten. Nach der Bürgerschaftssitzung geht man in ein Lokal, um das gerade Erlebte ausführlich zu besprechen. Mittlerweile kommt zu dieser Nachbereitung ein geladener Gast dazu, der aus seinem politischen Leben an führender Stelle erzählt. Das macht die Veranstaltung noch attraktiver. Eines zeichnet übrigens alle bisherigen Gäste aus: Sie wurden allesamt zu Philosophen, denen zuzuhören eine Freude ist.

So einer möchte ich auch werden.

Ostern 2014


1. Gehen die Volksparteien, die Volkskirchen, die Gewerkschaften und der Staat insgesamt unter? Oder werden sie angereichert durch die Grünen als neue Volkspartei und die Moslems als neue Volkskirche? Sind wir politisch und kulturell am Ende oder schlicht in einer Krise, in der eben Altes abstirbt und Neues beginnt, neutraler gesagt, in einem Transformationsprozess wie so häufig in der Geschichte? Diese Fragen zu verdrängen bedeutet, die Krise zu beschleunigen. Vor dem Hintergrund der Geschichte und mit dem Wissen um das, was in der Welt so läuft, will ich die Frage angehen und klären, wie es um Bremen politisch, kulturell und finanziell bestellt ist. Dazu fordere ich die vollständige und nachprüfbare Darlegung der Finanzen Bremens in Form eines Rechenblatts.

2. Die Brutalisierung der Welt nimmt zu. Die Verhältnisse sind immer unüberschaubarer, menschenfeindliche, religionslose und kulturwidrige Kapitalisten und Finanzjongleure sind mächtiger als ganze Staaten, ganze Gruppen von Egomanen lassen sich vom Staat alimentieren, „verrottete Christen“ (Bertolt Brecht), die heimlich Wein trinken und öffentlich Wasser predigen, sichern ihren Besitzstand und die Zahl der politisch abstinenten Bürgerinnen und Bürger nimmt zu. Wir politisch und kulturell Aktiven sind schwach und können diesen Prozess nur hier oder da etwas steuern. Ich arbeite mit allen Demokraten zusammen, die guten Willens sind, egal welcher Herkunft, Partei, Kultur und Kirche. Ich bin gerne David, der gegen Goliath antritt. Die katholische Kirche ist 2000 Jahre alt, der Protestantismus entstand von 1517, die herkömmliche Verwaltung in Form des Öffentlichen Dienstes stammt aus der Zeit des Absolutismus und die bürgerlichen Parteien und Gewerkschaften entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts. Es sind veraltete Systeme. Der moderne Kapitalismus wiederum hat sich in der Finanzkrise 2008 als unfähig erwiesen, diese Welt geordnet mit Waren und Geld zu versorgen. Der Glaube an den Nutzen der Atomkraft in Großanlagen wurde in Fukushima 2011 als Irrglaube entlarvt. An die Stelle von Regenten in Politik, Kirche und Wirtschaft tritt, soll die Welt sich weiter entwickeln, das Engagement der Individuen, die sich selbst organisieren. Bottom up statt Top down! Wenn die Kirchen weiter bestehen bleiben wollen, dann nur als „Ökumene“, d.h. in der Vereinigung von Christentum, Judentum und Islam im Sinne G. E. Lessings (1729-1781). Beginnen wir mit der Vereinigung von Protestanten und Katholiken aller Schattierungen vor Ort, in den Stadtteilen Bremens! Moslems und Juden brauchen wir nicht zu „betreuen“, wie das auf Deutsch heißt, sie sind oder werden von sich aus aktiv – oder eben nicht.

3. Es gibt keine bessere Welt ohne mehr Kultur und Bildung einerseits und mehr Teilhabe aller Menschen an Macht und Kapital andererseits. Das möchte ich im bremischen Haushalt auch ausgewiesen sehen. Die Parole der Französischen Revolution von 1789 gilt auch für Bremen: Freiheit, Gleichheit, Solidarität! Und etwas Glück braucht es natürlich auch dafür.


Canan P (17) und Michael S (18) sind SchülerInnen im Jahrgang 12 einer Schule im Bremer Westen. Sie sind politisch interessiert und befragten Martin Korol nach seinen politischen Absichten und Ideen

Canan P: Sie sind auf der SPD-Liste der Kandidaten für die Bremische Bürgerschaft der zweitälteste Kandidat. Wem soll ihre Kandidatur nutzen und, mit Verlaub gefragt, warum tun Sie sich das an?

Antwort MK: Ich bin Pensionär, ich habe genug Zeit und Geld, ich bin unabhängig und habe meinen eigenen Kopf. Meine Biografie ist nicht nur länger als die der meisten anderen Kandidatinnen und Kandidaten, sondern auch origineller. Davon kann die Bürgerschaft profitieren, wie auch ich andererseits gerne um die Erfahrung reicher wäre, in der Bürgerschaft gearbeitet zu haben.

Michael S: „Jugend weiß nichts, Alter kann nichts!“, sagt man. Was weiß die Jugend nicht, was Sie wissen?

Antwort MK: Das Sprichwort ist veraltet. Mittlerweile weiß die Jugend grundsätzlich mehr als die meisten Alten, ist informierter, ist internationaler und vielfach auch erfahrener als die meisten ihrer Eltern und Großeltern aufgrund der hohen vertikalen und horizontalen Mobilität heute, durch die elektronischen Medien und in Folge der intensiven Begegnungen mit den unterschiedlichen Kulturen von Kindesbeinen an. In der Politik allerdings kann sie weniger bewegen als wir Alten. Wir beherrschen diesen Staat, die Kirchen, die Vereine, die Gewerkschaften und Verbände. Wir haben immer noch die Macht inne, vor allem die Männer unter uns.

Canan P: Aber die Zahl der Frauen und Jugendlichen in Führungspositionen der patriarchalischen Institutionen ist doch in den letzten Jahren ständig gestiegen, ihr Einfluss ist so groß wie noch nie im Verlauf der uns bekannten Geschichte der Menschheit und größer als in 90% der Welt sonst.

Antwort MK: Wohl wahr, aber Jugend und Frauen übernehmen die anteilige Herrschaft in einem System, das nicht mehr zeitgemäß ist. Sie bekommen nur einen größeren Anteil daran oder übernehmen gar ganze Teile.

Michael S: Was ist so schlecht daran? Den meisten Bremerinnen und Bremern geht es doch, historisch und geographisch gesehen, gut, manchen sogar Gold!

Antwort MK: Vorne Lyzeum, hinten Museum! Die Katastrophen bringen es ans Licht. Bis zum 12. März 2011 war die Welt der Atomkraftwerke in Ordnung, stärkster Ausdruck des Patriarchats, sich die Welt untertan zu machen. Fukushima führte vor, dass das zum Untergang führen kann. Das war grundsätzlich bekannt. Man lese das in „Fontanes Gedicht „Die Brücke am Tay“ oder in Goethes Gedicht vom Zauberlehrling nach.

Canan P: Was hat das mit Bremen zu tun?

Antwort MK: Bremen ist umgeben von Atomkraftwerken. Das ist das eine. Das andere Strukturell gilt diese Erfahrung, dass unter einer glatten Oberfläche Katastrophen drohen, für alle Lebensbereiche.

Michael S: In welchen denn zum Beispiel?

Antwort MK: Nehmen wir die Finanzen und hier nur den Haushalt Bremens. Er ist mit drei Zahlen zu beschreiben: Pro Jahr 3 Mrd. Euro Einnahmen, 4 Mrd. Euro Ausgaben, 18 Mrd. Euro Schulden. Pro Bremerin und Bremer sind das 27.000 Euro.

Canan P: Durch die Föderalismusreform II wurde eine Schuldenbremse ins Grundgesetz aufgenommen. Diese sieht vor, dass die Länder ab 2020 keine neuen Schulden mehr machen dürfen. Bremen wird pro Jahr 200 Millionen Euro weniger ausgeben und 2020 beginnen wir mit der Rückzahlung.

Antwort MK: Wer’s glaubt, wird selig. Über Mehreinnahmen zu schwadronieren kostet nichts. Aber an die Antwort auf die Frage, wo noch gespart werden könnte, wagt sich keiner ran. Er würde einen Sturm der Entrüstung auslösen. Das ist Tabu. Wer sich da als erster bewegt, hat verloren. Wie beim Mikado-Spiel.

Canan P: Wo kann und soll denn Ihrer Ansicht nach gespart werden?

Antwort MK: Ich spiele kein Mikado.

Michael S: Ist Bremen pleite oder nicht?

Antwort MK: Wer weiß das schon?! Wir hören nur immer wieder, hier und da müsse gespart werden. Merkwürdigerweise sind das immer Stellen, die unsere Bürgerinnen und Bürger an den Stellen treffen, wo sie besonders empfindlich sind: Schulen, Kindergärten, Kultur, Polizei vor Ort, Jugendförderung…

Canan P: Was schlagen Sie vor?

Antwort MK: Ich behaupte, dass kein/e AbgeordneteR der Bürgerschaft und kein/e SenatorIn den bremischen Haushalt kennt. Das ist auch unmöglich, weil der ausgedruckte Etat schon in dem Moment veraltet ist, zu dem er gedruckt wird. Vor allem lässt ein Druckwerk kein Spiel mit Optionen zu: Wie verändert sich, wenn hier und da und dort soundso viel gespart wird, was ja täglich erfolgt, der Gesamthaushalt?

Canan P: Wie ist solche Buchführung heute noch möglich?

Antwort MK: Weil es in Bremen keinen Gesamthaushalt gibt. Jedes Ressort erstellt seinen eigenen Haushalt nach eigenen Parametern und die jeweiligen Endsummen werden für die Papierausgabe, die schon zum Zeitpunkt des Drucks veraltet ist, zusammengepappt.

Michael S: Was tun?

Antwort MK: Ich fordere seit Jahren die Veröffentlichung des Bremer Haushaltes in Form eines Rechenblattes, übrigens den aller 16 Bundesländer, Deutschlands, der EU, der UN und der NATO – da sind überall meine Steuern drin! Die Finanzsenatorin versprach das unserer Tochter Julia und mir auf dem Neujahrsempfang im Bremer Rathaus 2008.

Michael S: Und, haben Sie den Haushalt inzwischen bekommen, auf einer CD oder DVD z.B. als Exel-Datei?

Antwort MK: Leider nein, nur in rudimentären Teilen als PDF-Datei.

Canan P: Geben Sie sich damit zufrieden?

Antwort MK: Nein. Dann hätte ich mich nicht um ein Mandat in der Bürgerschaft beworben!

Canan P: Herr Korol, viel Glück dabei! Bremen braucht Abgeordnete wie Sie!