Artikel bis Februar 2013
24.02.2017

Meine erste Homepage ging am 21.02.2011 online. Ich schaltete sie am 24.02.2013 ab. Der Grund:...

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Bericht des Untersuchungsausschusses Krankenhaus Neubau Bremen Mitte
23.04.2015

Der Landtag der bremischen Bürgerschaft behandelte in seiner 80. Sitzung am 22.04.2015 den...

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Ich bin 71 Jahre alt. Geboren wurde ich am 4.12.1944 in Guben/Niederlausitz. Eine Stadt an der Görlitzer Neiße.

Sie hieß 1961-1990 „Wilhelm-Pieck-Stadt Guben“, benannt nach Wilhelm Pieck, der 1876 in Guben geboren wurde und von 1949 bis zu seinem Tode 1960 der einzige Präsident der DDR war.

Im Februar 1945 flüchtete meine Mutter mit meiner Schwester und mir vor der Roten Armee in den Westen. Im Sommer 1945 kehrte unser Vater nach überstandenem Krieg als Soldat aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Wir wohnten, jeweils für kurze Zeit, im Schloss Wechselburg in Sachsen, in Scharnhorst in der Lüneburger Heide, in Lahausen bei Bremen und ab 1948 in Lager V. Das war eines der Emslandlager, die die Nazis 1933 angelegt hatten. Mein Vater arbeitete da als Lehrer für junge Strafgefangene. 1951 zogen wir nach Vechta im katholisch geprägten Südoldenburger Land. 1956 kam ich zusammen mit meinen Eltern und den dann inzwischen fünf Geschwistern nach Bremen.

Ich besuchte die Klasse 6 L der Schule an der Lothringer Straße. Ein wunderbarer Neubau im Stil der 50er Jahre. (Vor fünf Jahren wurde die Schule abgerissen). In Vechta hatte ich das „Gymnasium Antonianum“ besucht. Da hatten wir im Fach Erdkunde alles über die „Torfgewinnung in Wiesmoor“ gelernt. Nun ging es bei Lehrer Göttsche um Kalifornien und Mandarinen. Ich kannte keine Mandarinen und wusste nicht, wo Kalifornien liegt. In Mathematik sollte ich auf Anhieb eine Klassenarbeit über die Periodenlänge von Dezimalbrüchen mitschreiben. Auch da wusste ich nicht, wovon die Rede war. In Vechta hatten wir gerade mit dem Bruchrechnen begonnen. Kurzum: Wenn es nicht nur am guten Lehrer Göttsche lag, sondern am Bremer Lehrplan, war Bremen eineinhalb Jahre weiter als Niedersachsen. Für einige meiner Mitschüler an der neuen Schule war ich „Korol, der Flüchtling und das Katholenschwein“. Das traf mich noch tiefer als mein Versagen in Erdkunde und Mathe. Ich stellte die Ohren auf und schaute mich um. Die tonangebenden Jungs in der Klasse lasen Karl May. Anstatt meine Wissenslücken in der Mathematik aufzufüllen, las ich innerhalb eines Jahres alle 65 Bände von Karl May. Ich wurde Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi Effendi. Katholisch blieb ich weiterhin, auch St-Georgs-Pfadfinder und Messdiener. Klasse 6 schaffte ich noch so. In Klasse 7, dann schon am Alten Gymnasium, blieb ich sitzen. Damals machte 5% der Mädchen und Jungen Abitur. Ich auch, allerdings brauchte ich dafür nicht 13 Schuljahre, sondern 16. Ich ging wirklich gerne zur Schule.

Unsere Familie wohnte bis 1966 in Findorff, Kasseler Straße 20, danach im Marßeler Feld in Bremen-Nord.

Nach dem Abitur 1966 leistete ich meinen Wehrdienst als freiwilliger „Soldat auf Zeit“ ab. Als sog. „Z 2“ diente ich 1967-1968 bei der Sanitätstruppe in Hamburg und München und ging als Leutnant d.R. ab. 1975 verweigerte ich den weiteren Wehrdienst.

Seit 1969 bin ich verheiratet. Meine Frau und ich haben drei Kinder und zwei Enkelkinder. Unsere kleine Familie wohnte zuerst in Bremen-Marßel, dann in Gramke und ab 1975 in Bremen-Osterholz, St. Gotthardstraße. Seitdem die Kinder aus dem Haus sind, wohnen wir in Findorff, unterbrochen durch vier Jahre, die wir in Estland lebten, und durch jeweils zwei Jahre in Bulgarien und in Bremen-Schevemoor.

1969-1974 studierte ich die Fächer Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Erlangen und in Hannover. 1997 promovierte ich an der Universität Bremen bei Imanuel Geiss über Deutsche im Schweizer Präexil während des Ersten Weltkrieges. Im Mittelpunkt der Dissertation stehen die kurze Freundschaft des (jüdischen) Philosophen Ernst Bloch mit dem (katholischen) Dadaisten Hugo Ball 1917/18 und beider publizistischer Kampf gegen die Kriegspolitik der deutschen Reichsleitung aus der Schweiz heraus.

1971-2010 unterrichtete ich in der Hauptsache die Fächer Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde/Politik, mitunter auch fachfremd die Fächer Englisch, Erdkunde und sogar Sport. Seit 1993 war ich zudem in der der jeweiligen Schulleitung tätig. Meine Stationen waren: das (heutige) Georg-Büchner-Gymnasium in Letter/Seelze bei Hannover; das Gerhard-Rohlfs-Gymnasium in Bremen-Vegesack; das Gymnasium an der Kleine Helle in Bremen Mitte; das Schulzentrum (SZ) an der Pestalozzistraße in Gröpelingen; das Abendgymnasium Bremen in Schwachhausen; das SZ an der Helgolander Straße in Walle; das Raatuse-Gümnaasium in Tartu (Dorpat)/Estland; das Galabov-Gymnasium in Sofia/Bulgarien und zum Schluss die Integrierte Stadtteilschule an der Bergiusstraße in Bremen Horn-Lehe, mittlerweile in „Wilhelm-Focke-Schule“ umbenannt. Seit 2010 bin ich Pensionär und unterrichte nur noch ab und an Schaustellerkinder.

An jeder Schule war ich mit Leib und Seele dabei, von jeder Schule nahm ich viel mit.

Ich liebe Musik: Elvis, Jazz, Swing und die Oper. Große Frauenstimmen. Sie erinnern mich an die Sirenen des Odysseus. In Jugendjahren spielte ich Klarinette. Das nahm ich in der Zeit wieder auf, die ich am SZ an der Helgolander Straße unterrichtete. Da spielte ich einige Male im Schulorchester mit. Stets stellte man mir hilfreich eine Trompete an die Seite, die das laute Quieken übertönte, das meine Klarinette bei „Scarborough Fair“ oder „California Dreamin’“ immer wieder ausstieß, bis ich sie dann warmgeblasen hatte. Als die Pensionierung näher rückte, holte ich mir ein Tenorsaxophon. Das hatte ich schon immer spielen wollen. Der Umstieg ist recht einfach. Aber daraus wurde nichts. Vielleicht später einmal.

Meine Frau und ich tanzen seit 1977 Standard und Latein. Unsere ersten gemeinsamen Tanzschritte machten wir in der Tanzabteilung des Sportvereins „OT Bremen“ in Bremen-Osterholz, wo wir seinerzeit wohnten. 1987 wechselten wir zum Tanzturnierclub „Gold und Silber“ in der Waller Heerstraße 46. Wir wollten Turniertänzer werden. Drei Mal in der Woche war Training im Club. An fast jedem freien Wochenende tanzten wir auf einem Turnier in Norddeutschland, meistens in Hamburg. In den Ferien fuhren wir noch weiter, bevorzugt nach Berlin. Wir tanzten nur Standard. Fünf Tänze: Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Slowfox und Quickstep. Bin ich mit mir und der Welt hier und heute im Reinen? Dann schaffe ich es, den (protestantischen) Slowfox im Takt zu tanzen. Der (katholische) Wiener Walzer ist für mich die ganze Welt, obwohl er fast nur aus Drehungen besteht. Ein Tanz kostet so viel Kraft wie ein 100 m-Lauf. Reichten die Kräfte, dann flitzte ich beim letzten Tanz des Turniers, dem Quickstep, mit einem breiten Siegerlächeln über das Parkett. Das kam selten genug vor. Unter uns gesagt: Wir waren auf den Tanzturnieren nicht sehr erfolgreich. Im Gegenteil. Wir schieden 10 Jahre lang auf fast jedem Turnier in Runde 1 aus, der sog. Vorrunde. An unseren Trainern lag es gewiss nicht: Jens Steinmann, Andreas Stölting und Veiko Ratas. Bekannte Namen in Tanzkreisen. An mir auch nicht. Ich war immerhin, 1961, Rock‘n Roll-Meister auf dem Teufelsrad beim Bremer Freimarkt gewesen! Zudem hatte ich so manchen Artikel über das Tanzen geschrieben. Also, bitte! Schließlich, nachdem wir wieder einmal schon nach der Vorrunde unsere Sachen packen mussten, ich glaube, es war im „Tanzclub Saltatio“ in Hamburg, wollte ich es wissen. Mit den Tanzsachen in der Hand auf dem Weg zum Auto sprach ich einen der Wertungsrichter an. Wieso lägen wir immer hinten? Meine Frau ging gerade an uns vorbei, das Tanzkleid über dem linken Arm, das Case in der Rechten. Er schaute sie an und sagte: „Dolle Dame!“ Ich dachte, ich höre nicht recht. Das war ja sehr gentlemanlike. Doch warum sagte der gute Mann nichts über mich?! Über mein Taktgefühl, meine fließenden Bewegungen, meine Ausdrucksstärke?! An dem Abend war ich fertig mit der Welt, aber ich gab nicht auf. Ich brauchte Jahre, um zu begreifen, dass es beim Tanzen auf die richtige Haltung ankommt. Alles andere ist Beiwerk. Meine Haltung war offenbar mangelhaft. Das versuchte ich zu ändern. Schrittweise wurden wir erfolgreicher. Wir schafften es gar bis in die zweithöchste Tanzklasse unserer Altersgruppe. Mittlerweile haben wir das Turniertanzen aufgegeben. Wir sind immer noch im Tanzcentrum „Gold und Silber“ aktiv, aber nun tanzen wir einmal in der Woche in einer Hobbytanzgruppe sowohl Standard als auch die Lateintänze Samba, Cha-Cha-Cha, Rumba und Jive und auch den Discofox, und da kommt auch die Geselligkeit mehr zu ihrem Recht.

Anfang der 1960er Jahre war ich ein eifriger Ruderer auf der Weser: Schulrudern und im Bremer Ruderclub „Hansa“. Ich nahm an einigen Regatten teil und gehörte einmal zu den Siegern: Im Riemen-Vierer mit Steuermann 1960 auf der Herbstregatta in Hoya.

Seit 30 Jahren fahre ich, wenn ich nur kann, am Freitagabend nach Bremen-Osterholz. In der Sporthalle an der Schevemoorer Heide treffe ich um 20 Uhr die Gruppe der „Jedermänner“ von „OT Bremen“, ein gutes Dutzend Männer im Alter von 35 bis 75. Nach einer ordentlichen Gymnastik spielen wir Hallenhockey und manchmal noch etwas Fußball. Ich bin alles andere als sportlich. Doch die Jedermänner sorgen für mich. Es gelingt ihnen immer wieder, geschickt und unauffällig, einen meiner Bälle ins Tor zu lenken. Dann freue ich mich riesig über „mein“ Tor. Die Woche ist gerettet. Gelebte Inklusion! Nach dem Duschen hat meistens einer von uns Geburtstag. Da wird gesungen und gefeiert. Natürlich in Maßen. Auch außerhalb der Sporthalle sind wir aktiv: Radtouren in den Sommerferien, Bowlingabend, Kohl- und Pinkelfahrt und Boßeltour im Winter.

Seit 2010 beteiligen wir uns an der jährlichen Bremer Meisterschaft im Pümpelwerfen im Mai auf der Gewerbeausstellung „GO“ im Weserpark. Drei Mal wurden „Jedermänner“ Meister! Ich war daran mit dem Team der „Oldies“ zwei Mal beteiligt: 2013 und 2013! Das genügte mir. An meine Stelle trat bei der Pümpelmeisterschaft 2014 Ralf IV. Er ist seit einem Jahr bei den „Jedermännern“. Ralf IV, Bernhard und Heiko wurden in der Gruppe der „Oldies“ am 04.05.2014 zum dritten Mal Bremer Pümpelmeister. Das hat uns alle gefreut und mich auch. Ich bin entlastet. Auf mich kommt es nicht mehr an.

Seit drei Jahren stehe ich einmal in der Woche vormittags mit anderen Männern 60 + am Billardtisch. Wir starteten seinerzeit im Freizi Findorff. Vor einem Jahr verwies man uns dort des Platzes. Schwamm drüber! Fenster zu, Fenster auf. Jetzt spielen wir jeden Freitag „Billard um halb 11“ in der Jugendherberge Kalkstraße. Mitten in der Stadt. Da stehen zwei Tische. Einer mag von den Jugendlichen besetzt sein, der andere ist immer frei. Drei Spiele kosten zwei €. Das ist fast geschenkt. Die meisten von uns kommen, um zu spielen, schweigend oder unter leichten Hinweisen zur Lage auf dem grünen Filz. Immer wieder fragt einer, zu welcher Gruppe er wohl gehöre: volle Kugel oder halbe? Oder wer jetzt dran sei. Richtig Billardspielen kann keiner von uns. Das macht nichts. Wenigstens das grüne Tuch wird nicht beschädigt. Einige kommen gar nur wegen eines guten Gesprächs nach dem Billard beim Bäcker mit Kaffee und Brötchen. Da geht es um hohe Politik und höchst Privates. Wonach einem gerade der Sinn steht. Jeder kommt zu Wort und alle hören zu.

Sommer 2014